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Volks vernünftig will, kann nichts besseres thun, als die ausRohheit und Elend emporringende Klasse zu unterstützen,0 welche die Keime der Zukunft in sich trägt.
Diese Einsicht ist zur Zeit von der Nebelwelt der„Volkstümlichkeit" völlig verdunkelt. Ein Beleg hierfür sinddie von der Centrairegierung veranlafsten Aul'serungen derLandhauptmänner zur Agrarfrage 1 . Die breite Masse dieserBeamten ist dem Gemeindebesitz gewogen, ja leidenschaftlichzugethan. Mit allen Mitteln sucht sie seine „künstliche" Auf-lösung hintanzuhalten — als ob ein Vorgang künstlich zunennen wäre, der sich ohne jeden Eingriff der Staatsgewaltvon selbst vollzieht. Die reicheren Bauern, von welchen derZersetzungsprozefs ausgeht, beschuldigt man, „nichts als ihreeigenen Ziele zu verfolgen" 2 — als ob man von einem wirt-schaftlichen Individuum, das in den harten Kampf um dasDasein gestellt ist, etwas besseres verlangen könnte. Nur<1 eine Minderheit der Landhauptmänner vertritt demgegenüber
eine mehr europäische Auffassung der Agrarfrage.
Interessant ist die geographische Anordnung der beidenParteien. Für den Gemeindebesitz stimmt die breite Masseder grofsrussischen Gouvernements. Vom Westen her erhebtsich zu Gunsten des Privateigentums die Stimme Europas, welche bis zu den Gouvernements Mogileff, Tschernigoff,Pultawa dringt. Dem Privateigentum günstig äufsern sichferner die Landhauptmänner von St. Petersburg, Cherson undTaurien. Wenn alle Wirtschaftsgeschichte lehrt, Privateigen-tum und individuelles Erbrecht als die Grundlage derpersönlichen Freiheit anzusehen, so könnte man sagen, dafsin jenen Stimmen die befreiende Wirkung der Seeluft sichfühlbar macht 3 .
<j 1 St. Petersburg 1897. 3 Bände. Einen Auszug enthalten die
öfters citierten Aufsätze der Ökonomischen Rundschau.
2 Vergl. Ökonomische Rundschau, Januar 1898, S. 57.
3 Als Wilhelm der Eroberer 1066 England unterjocht hatte, galtenalle Einwohner als seine Hörigen, alles Land als sein eigen. EineAusnahme machten „die freien Herrn von London ", mit denen er einen