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Staatsbürgertums. Das Wort „Bauer" höre auf, einöffentlich-rechtlicher Begriff zu sein, und werde zur Be-zeichnung eines wirtschaftlichen Berufes. Schon die Ur- r,heber der Befreiungsgesetzgebung haben dieses Ziel aus-gesprochenermafsen ins Auge gefafst 1 .
Freilich setzt diese, wie jede gesetzgeberische Beform eineungeheure und langdauernde Erziehungsarbeit an der öffent-lichen Meinung voraus. Die russische Intelligenz darf denBauern nicht länger als jenes mystische Wesen, halb Wilden,halb Heiligen, betrachten, dessen Glück darin bestehe, seinePersönlichkeit im Nirwana des Mir zu versenken. Der russischeBauer ist ein sich selbst bejahender Mensch, mit denselbenStrebungen wie jeder von uns, zwar roh und ungebildet, aberdoch der Anlage nach ein geistig, wie sittlich hochbegabterEuropäer. Mehr als im Adel liegt in ihm die Fähigkeit, dasmoderne Wirtschaftsindividuum mit allen seinen Mängeln undVorzügen aus sich hei'aus zu entfalten. Denken wir an den -
Sieg des bäueidichen Gewerbes über die gutsheridiche Fabrik,den wir oben kennen leimten.
Wenn die russische „Intelligenz" ihre Stellung zumBauern im angegebenen Sinne ändert, so wird dies für sieselbst ein Voi'teil sein. Die Unselbständigkeit der „Intelligenz",welche die Slavophilen beklagten, beruhte in letzter Linie aufder Schwäche ihrer wirtschaftlichen Grundlage: des Adels.
Heute erhebt sich eine neue Felsenschicht aus den Gewässernder Naturalwirtschaft und der geistigen Gebundenheit: jene„ländliche Kleinboui-geoisie", welche als Siegerin über den Ge-meindebesitz den Litteraten vei-hafst ist. Und doch, die Eckenund Spitzen des „Kulakentums " können mit der Zeit verwittern,den öden Felsen kann eine Rasendecke übei-ziehen, aufwelchem die Blume einer wirklich „volkstümlichen" Bildungerblühen kann. Dann, und nicht eher, wäre das Ideal derSlavophilen erreicht: die Einheit der nationalen Kultur. Dann,und nicht eher, wäre die Kluft zwischen Volk und Gebildetenähnlich überwunden, wie dies in gewissen Teilen Westeuropas
1 So Nikolski a. a. 0. S. 74.