— 383 —
der Fall ist, wo die höchsten Schichten des Geisteslehens durchunzählige Zwischenglieder mit der breiten Volksbasis unlöslichverbunden sind. Nur durch eine Emporhebung der unterenSchicht ist dies möglich, nicht durch ein künstliches Verbauernder Gebildeten.
Das Gesagte genügt, um meinen Standpunkt in denGrundfragen der russischen Agrarpolitik festzustellen. Esgenügt aber auch, um den Leser zu überzeugen, dafs eineausführliche Begründung dieses Standpunktes einen weiterenBand erforderte, der den vorliegenden an Umfang überträfe.Der Versuch, diese Begründung in den Grenzen gegenwärtigenWerkes vorzunehmen, würde mit Hecht der Oberflächlichkeitgeziehen werden.
Innerhalb der vorliegend gesteckten Grenzen erscheintes mir richtiger, die obigen Ausführungen durch einigeMomentaufnahmen des ländlichen Kleinlebens zu illustrieren,welche zwar nicht den Anspruch machen, sogenannte „typische"Fälle festzuhalten, aber doch unmittelbar aus dem Meere derThatsachen geschöpft sind. Nur so wird der Leser von demHauche der russischen Landluft angeweht werden, die mangeatmet haben mufs, um nicht in russischen Wirtschaftsfragen,selbst Fragen der Gewerbe- und Finanzpolitik', nach west-europäischer Schablone zu urteilen.
Das erste dieser Tagebuchblätter ist geschrieben auf derSeereise von Sebastopol nach Brindisi , also ohne die Be-nutzung irgend welcher Litteratur; der farbige Frühlingsglanz,der mich an den griechischen Küsten umgab, verschärfte dieEindrücke, die ich wenige Tage vorher in den schneebedecktenHungergebieten Bufslands empfangen hatte. Der zweite Beise-bericht entstand in dem Landhause eines russischen Gast-freundes, ebenfalls ohne Litteraturbenutzung, aber unter täg-licher Besprechung mit einem sachkundigen Beobachter desrussischen Dorflebens. Für die folgenden beiden Berichtebenutzte ich dagegen die Schätze des statistischen Bureaus zuPultawa. Leider verhindert mich der Mangel an Zeit, meinreiches Material zum russischen Gemeindebesitz zu heben; fürdie vorliegenden Zwecke schienen mir gewisse individualistischeErscheinungen charakteristischer.