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II. Ein Tagebuchblatt aus den russischen Notstandsgegenden.
März 1893.
Im Sommer 1892 wurde ein Teil des östlichen Rufslandvon einer schweren Mifsernte heimgesucht, welche im darauf-folgenden Winter zu einer eigentlichen und offiziell anerkanntenHungersnot führte; der Notstand war um so schärfer, als bereitsein Jahr vorher dieselben Gegenden unter völliger Mifsernte zuleiden hatten. Der Bereich der ersteren Mifsernte erstreckte sichüber die Gouvernements Tula, Woronesch, Poltawa, Cherson und das Gebiet der Donschen Kosaken , ferner über Teile derGouvernements Orel, Rjäsan, Kursk und Kijew. Zum zweiten-mal von der Mifsernte und daher von verschärftem Notstandebetroffen waren die Gouvernements Tula, Woronesch , sowieTeile von Rjäsan und Orel.
Ein Blick auf die Landkarte belehrt, dafs es sich injenen Notjahren also keineswegs um die Teile Rufslandshandelte, die, mit kargem Boden und rauhem Klima, von derNatur nur stiefmütterlich ausgestattet sind. Diese Umständehaben vielmehr in dem nördlichen Rufsland den Menschenfrühe vom Boden gelöst, ihn in die Städte und in die Fernezu zeitweisem Erwerb getrieben. Die Bevölkerung ist hierbeweglicher und unternehmender, sie findet seit langem Neben-beschäftigung in einer ausgedehnten Hausindustrie. Letztereaber bereitete den Boden für die Entstehung jener gewaltigenGrofsbetriebe, welche heute im Moskauer und WladimirschenGouvernement ihren Sitz haben. Diese vielfach Getreide ein-führenden Bezirke erfreuen sich verhältnismäfsigen Wohl-standes. Sie sind wohlhabend genug, auch in Zeiten desMifswachses Getreide zu kaufen. Auch die westlichen, ver-kehrsreicheren Gouvernements Rufslands kennen zwar Mifs-ernten, nicht aber Hungersnöte. Demgegenüber wurden vom„Hunger" als Massenerscheinung wiederholt die südlichen undöstlichen Gouvernements heimgesucht; mit ihrer berühmten„schwarzen Erde" könnten sie geeignet erscheinen, nicht nurihre eigenen Bebauer, sondern noch Millionen von Käufern