- 386 —
die wirtschaftlichen Zustände ihrer Umgebung mit nüchternerSachkenntnis, die mir zur Belehrung diente.
In der That, meinte Karl Karlitsch, sei in den letztenbeiden Jahren der Ernteertrag ein aufsergewöhnlich geringergewesen; jedoch habe die Mifsernte das von ihm verwalteteGut viel weniger schwer betroffen, als die benachbarten Bauern.Das Gut habe pro Defsjätine geerntet vom Weizen statt dergewöhnlichen 150 Pud nur 63, vom Roggen statt 75 Pud nur28, also etwas weniger als die Hälfte; die Bauern dagegenhätten nicht mehr als ein Viertel der gewöhnlichen Ernte ge-macht und vielfach seien bei ihnen die Felder „nackte Erde"gewesen x .
Auf meine Frage nach den Gründen dieser Erscheinungwurde ich auf die Verschiedenheit der Wirtschaftsweisevon Gut und Bauern verwiesen. Das Gut baue Weizen,Zuckerrübe und Futtergewächse, die Bauern dagegen nachder Weise der Dreifelderwirtschaft Roggen und Hafer, bezw.Kartoffel, während das dritte Jahr das Feld unbearbeitet brachliege. Ihre Armut verhindere sie, diejenigen Werkzeuge an-zuschaffen, welche zur besseren Bestellung des Landes not-wendig seien. Daher verharren sie bei dem alten Hacken-pflug (Socha), welcher grofsentheils auf dem Dorfe selbstgemacht werde und äufserst wenig Eisenbestandteile erfordere.Sein Vorteil bestehe für die gänzlich mittellosen Bauern darin,dafs er für die verschiedensten Arbeiten zu brauchen sei, fürwelche fortgeschrittenere Wirtschaften mehrerlei Werkzeugebesäfsen (Furchenziehen, Heratisnehmen der Kartoffeln u.s.w.).Die Socha aber ritze den Boden nur oberflächlich, so dafs dieunteren Schichten der fast 1 m tiefen Schwarzerde zur Pro-duktion nicht herangezogen würden. Ein weiterer Grund dergeringeren Ernteerträge der Bauern sei der Mangel an Düngung:das Land werde alle drei Jahre entsprechend der herrschenden
1 So hörte ich erzählen, dafs man im Sommer 1891 neben demLande der Bauern, das lediglich Unkraut bedeckt habe, im MoskauerGouvernement wogende Getreidefelder der landwirtschaftlichen Aka-demie erblickt habe.