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Gutsherr dafür Pflicht und Interesse, den Bauern leistungs-fähig zu erhalten. Wenn die Regierung ausnahmsweise fürdie Ernährung des Volkes Aufwendungen machte, so fordertesie dieselben vom Gutsherrn zurück. Zweierlei griff in dieseZustände verändernd ein; einmal der Bau der Eisenbahnenund sodann die Befreiung der Bauern. Zur Bezahlung derSteuern und der Ablösungsgelder mufste der Bauer bares Geldhaben; die Eisenbahnen aber setzten ihn in die Lage, seineErzeugnisse zu verkaufen. Volkswirtschaftlich gesprochen: derBauer wurde in die Weltwirtschaft eingezogen, aber seineWirtschaftsweise und sein psychologischer Zustand wider-sprechen noch heute diesem Umschwung.
Nachdem ich mich über die Wirtschaftsverhältnisse desBezirks hatte unterrichten lassen, suchte ich Umfang undGrad des Notstandes, sowie die Mittel der Abhilfe kennenzu lernen. Hier wäre Karl Karlitsch nicht der richtige Weg-weiser gewesen mit seiner nüchternen, fast kalten Beurteilungder ihn umgebenden menschlichen Not. Hierzu war eineandere Persönlichkeit geeigneter, deren Bekanntschaft einEmpfehlungsbrief vermittelte. In dem Grafen B., einemfrüheren Gardeoffizier, der aber nunmehr das zweite Jahrunermüdlich in den Hungergegenden arbeitete, lernte icheinen Vertreter jener idealistischen Lebensauffassung kennen,welche innerhalb des jüngeren Geschlechts der gebildetenrussischen Gesellschaft so verbreitet ist, der aber meist einFeld der geeigneten Thätigkeit fehlt; sie verkümmert daherin späteren Jahren häufig und schlägt nur zu oft in ihrGegenteil um. Hier hatte eine solche Persönlicheit ihre Auf-gabe gefunden, und der von mir besuchte Bezirk konnte voranderen von gleicher Not heimgesuchten als bevorzugt geltenin dem Besitze dieses thatkräftigen Vorsitzenden des örtlichenAusschusses des Roten Kreuzes.
Ich gebe hier einige Mitteilungen wieder, welche mir vondieser sachkundigen Seite gemacht wurden.
Nach der Mifsernte des Jahres 1891 befand sich derBezirk, sowie überhaupt das Gouvernement und mit ihm der