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ärmere; ja er kaufe, um die Gemeindeweide auszunutzen, wohlnoch Vieh vorübergehend an; wenn das Land endgültig auf-geteilt sei, so fürchte er, der ärmere Wirt werde diese un-gleiche Ausnutzung der Brachweide bestreiten oder gar dasihm zugeteilte Land mit einem Zaune umgeben. Dieses Be-denken sei jedoch, so hören wir weiter, in der Nachbar-gemeinde überwunden worden. Hier, ebenfalls bei klein-russischen Staatsbauern, habe man durch Gemeindebeschlufsden Nadjel dem zeitigen Besitzer zu ewigem Eigentum zu-gesprochen , während die Brachweide als gemeinsames Rechtaller Dorfgenossen beibehalten worden sei; die Gefahr derNeuverteilung bei Gelegenheit der Volkszählung sei damitausgeschlossen worden. In der That liegt hierin der einzigmögliche Weg, so lange überhaupt Brachweide besteht, Privat-eigentum am Ackerfelde zu ermöglichen. Dieser Weg wirdjedoch nur in seltenen Ausnahmefällen beschritten, so langeseine Beschreitung der Autonomie der Gemeinde über-lassen ist.
Eine völlig andere Entwicklung weist eine von mir be-suchte Gemeinde von Staatsbauern im Steppenbezirke auf,Losowenka, eine grofsrussische Militäransiedlung. Das Dorfist eine jener umfangreichen Niederlassungen, wie sie viel-fach den Staatsbauern Südrufslands eigen sind; im Taurischenfinden sich Dörfer mit 15 000 und mehr Einwohnern beiGesamteigentum an der Flur. Losowenka hat etwa 450 Höfeund 1500 Einwohner. In langen Reihen liegen die Höfe anbreiten Strafsen, die Wohnhäuser mit der Schmalseite nachder Strafse, getrennt durch den Hof vom Nachbarhause — dieslavische Reihenansiedlung. In der Nähe der Kirche bemerkenwir eine Anzahl von Kaufläden, welche darauf schliefsenlassen, dafs eine Bresche in die Naturalwirtschaft gebrochenist. Die Kirche selbst, welche erst neuerdings von den Bauernerbaut und mit reich vergoldeten Ikonostas , sowie zahlreichenHeiligenbildern, Erzeugnissen benachbarter Hausindustrie, ge-schmückt wurde, deutet auf eine gewisse Wohlhabenheit.
Auf unsere Fragen ergab sich in Losowenka eine Ordnungder Besitzverhältnisse, scheinbar völlig entgegengesetzt der