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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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giebt, giebt es auch Arme. Übrigens wird die Entwicklungja nicht durch Li ttei - atürm einungen entschieden : aus fiskalenGründen bleibt dem Staate keine Wahl; er inufs auf dieSeite einer Entwicklung treten, welche die Emporentwicklungkräftiger Steuerobjekte bedeutet. In Poltawa beträgt die Zahlderviehlosen" Bauern 34 Prozent der bäuerlichen Bevölkerung ein Beleg weitgehender Proletarisierung. Dagegen ist dieSumme der Steuerrückstände verhältnismäfsig gering. '

Auch im Bezirke von Kobeljaki steht den wohlhaben-den Kosakenwirtschaften eine grofse Menge landloser undviehloser Bauern und Kosaken gegenüber. Über 40 Prozentaller Bauern- und Kosakenfamilien des Bezirkes sindviehlos",d. h. statt auf eigenen Landwirtschaftsbetrieb auf Lohnarbeitangewiesen. Kosaken dienen vielfach bei Kosaken in einemVerhältnis derNachbarschaft", das an die westdeutschenHeuerlinge" erinnert. Auch bildet der Bezirk von Kobel-jaki den Ausgangspunkt von Wanderarbeitern nach demSüden (Cherson und Taurien), da die grölseren Kosaken-wirtschaften und der Kleinadel des Bezirkes die vorhandenenArbeitskräfte keineswegs aufbrauchen.

Welches sind die Gründe der Überlegenheit des Ko-saken gegenüber der sonstigen bäuerlichen Bevölkerung? Ichführe sie in erster Linie auf die wirtschaftlichen undgeistigen Wirkungen der angestammten Freiheitzurück. Als Freier arbeitete der Kosak seit jeher in derAussicht, die Früchte seines Fleifses selber zu ernten; derZweck seiner Arbeit war sein eigener Wohlstand, währenddie erzielten Überschüsse des Hörigen dem Herrn gehörtenund verstärkte Arbeit wie vermehrter Wohlstand häufig nurMehrbelastung bedeuteten. Noch heute wirkt dieses alte Ver-hältnis nach. Der Kosak bezahlt gleich dem Adel nur öffent-lich-rechtliche Steuern: die staatliche Grundsteuer, die Steuernder Landschaft und die seiner eigenen ständischen Organisation;die Bauern, sowohl die früheren Staats- wie Gutsbauern, habendaneben noch schwer lastende Ablösungsgelder zu erlegen.Weniger besteuert, ist die Arbeit des Kosaken hoffnungsvoller.Auch ist der Kosak durch kein Gutsland eingeengt, während