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Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland / von Gerhart v. Schulze-Gävernitz
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sich der Gutsbauer auf Kosten des Herrenlandes zwar sicher,aber doch nur sehr langsam und in schwerem Ringen vor-wärts schiebt.

Sind schon die unmittelbaren Vorteile der geringeren Be-lastung und der gröfseren Laudausstattung hoch anzuschlagen,so möchte ich noch höher werten, dafs auf diese Weise seitlanger Zeit bei den Kosaken das Selbstinteresse und die damitverknüpften wirtschaftlichen Tugenden in Thätigkeit gesetztwurden. Bei den Kosaken finden wir den Geist der Selbst-hilfe, der dem russischen Bauern so häufig abgeht, den manaber darum nicht dem russischen Volke überhaupt absprechensollte. Der Bauer, welcher sein Feld auf das oberflächlichstebestellt, sagt:Gott ist alles"; und wenn die Ernte dem-entsprechend schlecht ist, so meint er:Gott hat gestraft";dem gegenüber hat der Kosak ein Sprichwort:Hilf dir selbst,so hilft dir Gott".

Auch die kommerziellen Fähigkeiten, die man dem Ko-saken nachrühmt, sind nichts als eine andere Seite desselbenCharakterzuges. Der Handel ist individualistisch; er ent-wickelt sich mit dem Verfall des Gruppendaseins der Vorzeit.Früher, ehe die Eisenbahnen gebaut wurden, verrichtete derrussische Bauer im Winter allgemein Fuhrdienste. Der Kosakbegnügte sich damit nicht; er betrieb den Warentransport auteigene Rechnung. Von der Meeresküste, der Krim und demDon holte er Salz und Fische im Austausch gegen landwirt-schaftliche Produkte, quer durch die damals noch unbebautenSteppen Neurufslands. Mancher Kosak besafs ein Dutzendund mehr Fuhrwerke und Ochsengespanne. Später, da dieserErwerb verfiel, verwandte der Kosak das darin angelegteKapital zum Ankauf von Land. In schleuniger Anpassungwarf er sich auf die Produktion der neuen marktgängigenWare, des Weizens. Er produzierte für die Ausfuhr undnahm vollen Teil an dem Gewinn, welchen die hohen Getreide-preise der siebziger und achtziger Jahre abwarfen 1 .

1 Auf besondere Anfrage bestätigt mir brieflich ein genauerKenner Kleinrufslands, Prof. J. Miklaschefski in Charkoff, die