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ausmacht. Jede leichte Steigerung der Getreidepreise be-wirkt nicht nur, dafs neue Länder in Anbau genommen,sondern auch dafs die altbebauten intensiver bestellt werden,während umgekehrt Preissenkungen die Anbaufläche und dieAnbauintensität und damit die Ausfuhrmenge verringern.
Gleiche Wirkungen wie die Steigerung der Getreidepreiseübt aber jede Herabsetzung der Produktionskosten, so z. B. dieVerbilligung der landwirtschaftlichen Maschinen und des Eisensdurch handelspolitische Mafsnahmen, die Herabsetzung derEisenbahntarife, die Verbilligung des Zinsfufses, letzteres einewahrscheinliche Folge der Währungsreform, endlich die Ver-vollkommnung des Getreidehandels. Auf letzterem Gebietesind neuerdings bedeutende Fortschritte erzielt worden. Bisvor wenigen Jahren wurde das russische Getreide auf denwesteuropäischen Märkten bedeutend niederer gewertet alsdie transatlantische Konkurrenzware 1 — eine Folge seinerunreinen Beschaffenheit. Heute teilt mir ein hervorragenderwestdeutscher Getreidehändler mit, dafs infolge verbesserterQualität der russischen Provenienz dieser Unterschied nahezugeschwunden ist.
Hinsichtlich der Neuländer des Ostens und ihrer Be-deutung für die Getreideausfuhr begegnen wir einem Zwie-spalt der Meinungen. Die einen behaupten, dafs die zum Ge-treidebau geeignete Fläche Sibiriens bereits gröfstenteils besiedeltsei; die andern weisen daraufhin, dafs der gröfste Teil Sibiriens noch heute mit Fichtenwald bedeckt ist und dafs, wo derWald gedeihe, auch Getreidebau, wenigstens Roggenbau,möglich sei. Zum Beleg hierfür verweisen sie auf Einzelansied-lungen, ja ganze Dörfer, welche in diesen Einöden, deren land-wirtschaftliche Brauchbarkeit bestritten wird, noch heute immerwieder von neuem entstehen und von den Behörden oft erstnach Jahren „entdeckt" werden.
Um gegenüber den Widersprüchen der Litteratur mirKlarheit zu verschaffen, wandte ich mich an einige der