die gesamten unteren Schichten der Gesellschaft ergreift,scheint in ihrem Gegensatze zu dem Bestehenden eine Gefahrfür unsere ganze Kultur. Dies um so mehr, als sie in gewisserHinsicht den Charakter einer Glaubensbewegung trägt; jederMärtyrer, den man ihr schafft, stärkt sie; Machtmittel ver-schlagen gegen sie wenig. Wodurch wird die Gefahr beseitigt?Wann wäre die Erbschaft, die unsere höchsten geistigen wiesittlichen Güter umschliefst und als deren Verwalter wir ver-antwortlich sind, als völlig gesichert anzusehen? Dann gewifs,wenn jene Bewegung, die ihr Vernichtung droht, sie in sichaufnähme und selbst der Zukunft zutrüge, wenn sie, statt diebestehende Gesellschaft zu bekämpfen, sich ihr eingliederte undsie fortentwickelte. Dieser Lösung scheinen wir ferner denn je;sie erforderte einen fast unaufbringlichen Betrag von Einsichtauf beiden Seiten, der zugleich ein gutes Stück Selbstverleug-nung des Einzelnen enthielte: Einsicht auf Seiten der M a s s e ndahin, dafs der Fortschritt der Menschheit, der in der Thatnicht in der Hebung weniger, sondern der aller und jedeseinzelnen besteht, nur ein allmählicher und friedlicher seinkann. Ist doch, insbesondere in dem Jahrhundert der ge-schichtlichen Forschung und der Entwicklungslehre, die Mei-nung völlig unwissenschaftlich, dafs ein idealer Gesellschafts-zustand mit einem Schlage durch äufserliche Veränderungenheraufgeführt werden könnte, dafs Fortschritt etwas anderessei, als die Entfaltung des Bestehenden. Aber eine nichtminder schwere Einsicht auf Seiten der Klassen wird er-fordert: dafs wirklich eine neue Zeit mit neuen Forderungenheute da ist und dafs es unmöglich ist, den „neuen Wein inalte Schläuche zu füllen". Indem nun statt dessen auf dereinen Seite Überhebung, auf der andern Mifstrauen und Hafs vorwiegt, zerfällt das Volk in zwei Nationen, zwischen denenjedes Verständnis, jede Berührung fehlt, die anders fühlen,
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