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In folgerichtiger Fortbildung des von der Reformationgegebenen Anstofses hatte man in England zuerst das Indi-viduum als Mafsstab des menschlichen Denkens und Wollensbegriffen. Über die Partei der sogenannnte Levellers hinaushatten sich, als die Wellen der religiösen Bewegung sichlegten, mehr und mehr skeptische Anschauungen ausgebildetund insbesondere die oberen Klassen der Gesellschaft ergriffen.Wie es nicht die Macht von Ideen, sondern Eigennutz undBestechung gewesen war, durch welche die sogenannte „ruhm-reiche Staatsumwälzung" vom Jahre 1688 zu Stande gebrachtwurde, so waren es auch nicht mehr Ideen, sondern ledig-lich persönliche Triebfedern, welche die englische Gesellschaftdes achtzehnten Jahrhunderts bewegten. Wenn man nun aufdem Gebiete der Politik die Konsequenzen der individualistischenWeltanschauung zu ziehen unterliefs, wie sich z. B. der Skep-tiker Bolingbroke mit den Bischöfen verbündete im Interesseder Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung,so begegnen wir dem gegenüber auf dem Gebiete der Litte-ratur und der Philosophie bereits den äui'sersten Folgerungeneiner individualistischen Denkweise: Materialismus und utili-tarischer Moral.
Dieser Widerspruch, der zwischen dem Denken und derGesellschaftsordnung besteht, spiegelt sich vor allem in derPhilosophie des Ilobbes. Er ist nach Comte 1 der Haupt-begründer der negativen und revolutionären Philosophie,„welche eine unvernünftige Gewöhnung noch den französischen
unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Phi-losophie eine ganz andere Richtung gab." — Auch Friedrich der Grofseerkannte, dafs Yoltaire von den Engländern vollständig abhängig sei.Vergl. Briefe des Königs, Oeuvres de Yoltaire. Paris 1824. Bd. LHS. 335, 428.
1 Auguste Comte, Philosophie positive. Troisieme Edition, Paris 1869. V. S. 499, 500.