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Leserkreis sieh selber zu erziehen. Keine leichte Aufgabe;denn für ein Ohr, das an die Glätte der Macaulayschen Sätzegewöhnt war, mufste Carlyles Ausdrucksweise zunächst fastetwas abstofsendes haben. Seine Sprache — heute Gegen-stand philologischer Abhandlungen — erschien unenglisch,weil sie zu englisch war. Sein Stil erschien schwülstig,unbeholfen, ja sogar lächerlich dort, wo in der altertümlichenSprechweise eines abgelegenen schottischen Dorfes gewaltigeGedanken und gewaltigere Leidenschaften nach Ausdruckrangen. Hierzu kam die Eigentümlichkeit und Fremdartig-keit dieser Gedanken selbst. Als man ihn später notgedrungenanerkannte, blieb er lange für die meisten ein Kuriosuni.In diesem Manne, der einer Zeit, welche sich unerreichterAufklärung und nie dagewesenen Fortschrittes rühmt, mit denStrafgerichten Gottes drohte, schien einer jener finsterenPuritaner, ein Genosse Cromwells , um zwei Jahrhunderte zuspät geboren.
Der Beginn einer allgemeineren und rückhaltloseren An-erkennung ist durch die Erwählung des damals siebenzig-jährigen Carlyle zum Lord Rektor der Edinburger Univer-sität bezeichnet. Es war die einzige öffentliche Auszeichnung,die Carlyle während seines Lebens zu Teil ward — nachden Begriffen seiner Heimat aber allerdings eine hohe Aus-zeichnung, welche nur Gröfsen in Staat oder Wissenschaftzu Teil zu werden pflegt. Gladstone war sein Vorgänger,Disraeli sein Mitbewerber, welchen er bei der Wahl mit einerMajorität von 347 Stimmen schlug. Hieraus mag man aufdie Bedeutung schliefsen, welche Carlyle damals bereits inden Augen seiner Landsleute zukam.
Die Rede, mit der Gladstone sein Amt niederlegte, warein Meisterstück der Beredsamkeit dieses Mannes, welche
selten verfehlt hat, britische Hörer mit sich fortzureifsen. Sie
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