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Romanen bekannte Bild des englischen Geistlichen an, derein vollkommener Lebemann, zumeist der jüngere Sohn einerangesehenen Familie, für Fuchshetzen und Truthahnpastetenals Sachverständiger nicht seines gleichen findet. Ganz be-sonders bezeichnend dafür, wie das achtzehnte Jahrhundertauch von der schottischen Kirche Besitz genommen hatte, istu. a. der Beschlufs, durch den die Presbyterialversammlung1796 mit grofser Mehrheit sich gegen die Heidenmission aus-sprach, um durch die Berührung mit dem Dogma von derRechtfertigung durch den Glauben „die einfachen Tugendenungebildeter Indianer" nicht zu verderben. Auch stand dieKirche, wenigstens ihre öffentlichen Organe, durchaus aufSeite der wirtschaftlich mächtigen, zunächst der agrarischen,dann der industriellen Aristokratie. Hieraus erklärt sich, dafsdie Geistlichkeit sich den Arbeitern gegenüber zunächst feind-lich verhielt. So urteilt wenigstens der Graf von Shaftesburyin seinem Tagebuch: „Von wem hätte ich am meisten Hülfeerwarten dürfen? Doch unzweifelhaft von der Geistlichkeit,zumal derjenigen der Industriegegenden; aber gerade dasGegenteil ist mir geworden, mit äufserst seltenen Ausnahmen;und doch giebt es in unserer Kirche 16000 Pfarrer aufserden hohen Würdenträgern."
Erst später entstand eine christlich-sociale Bewegung, aufwelche wir unten eingehen. An ihr ist Carlyle bereits ursäch-lich beteiligt. Mitgewirkt aber hat gewifs, wie gerade derEntwicklungsgang Carlyles beweist, dafs in breiten Kreisendes Volkes der alte puritanische Geist sich forterhalten hatte.Der Aufschwung, den das religiöse Leben in diesem Jahr-hundert nimmt, ist gewifs darauf zurückzuführen, dafs jeneKlassen infolge der wirtschaftlichen und politischen Ver-änderungen in den Vordergrund treten. Wie wäre es auchdenkbar, dafs ein so ungeheurer Anstofs, wie der von der