halten. Desgleichen durchschaute er als vergebliches Bemühen,wenn die Utilitarier versuchten, das, was das Volk bisherTugend genannt, beizubehalten, indem man es als besten Wegzum Wohlsein empfiehlt. Nannte sich doch ein Paulus vonTarsus, den die Menschen später den Heiligen nannten, den„Ersten der Sünder" — welche innere Qualen umschliefstdieser Ausdruck! — während ein Nero fiedelnd und schmau-send auf dem Palatin safs und sogar wohlgemuth starb, miteinem: qualis artifex pereo. Welcher Unterschied also zwischender utilitarischen Tugend, die nichts als ein rationellerEgoismus ist, und der religiösen Sittlichkeit früherer Zeiten!Statt des Weihrauchkessels, meint Carlyle, schwinge unsereZeit offenkundig die Bratpfanne — denn was ist ein bösesGewissen gegen die Qualen einer schlechten Verdauung —statt der Kreuzesfahne den Weiberunterrock: hoc signo vinces.
Diese Folgerungen blieben für Carlyle nicht rein ge-dankenmäfsig, sondern wurden innere Erlebnisse. Das Welt-all war für ihn „ohne Leben, eine enorme tote Dampfmaschine,die in stumpfer Gleichgiltigkeit weiter rollt". „Die Menschen",sagt er, „selbst wenn sie sprachen, waren für mich nichtsals blofse Figuren; ich hatte thatsächlich vergessen, dafs sielebendig waren und nicht blofse Automaten." Carlyles Wahr-haftigkeit verachtete auf religiösem und sittlichem Gebiet jedenKompromifs. Hierin eben besteht jene originale moralischeKraft, von der Goethe gesprochen: durch sie wurde er dazugetrieben, seine Zeit aus ihren eignen Voraussetzungen herauszu überwinden. Er erkannte im Utilitariertum und im Ma-terialismus die beiden Folgen des unserer Zeit eigentümlichenindividualistischen Standpunktes.
Der Skepticismus war für ihn daher nicht blofs ein theo-retischer, sondern ein praktischer. Während ihn früher, wieer es ausdrückt, „gebahnte Wege", d. h. autoritativ gegebene