Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
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Pflichten durch das Leben führten, trat er nun mit dem Ver-lust einer festen Weltanschauung in eine Periode des Schwan-kens und der Unsicherheit im Handeln.Schwach zu sein,ist das Elend", sagt er mit Milton 1 . Hierin erblickte erauch den tiefen Grund des Pessimismus unserer Zeit, dem erin jenen Jahren seinen vollen Zoll zahlt.Alles Leiden be-steht in mifsleiteter Fähigkeit." Innere Kämpfe machen denMenschen erst dann unglücklich, wenn sie das Gebiet desHandelns berühren und wenn Zweifel, wofür er seine Arbeitund sein Leben einzusetzen habe, dann Vergeudung vonKräften und Planlosigkeit der Lebensläufe herbeiführen.

Garlyle machte in jenen Jahren die Erfahrung, die unsereZeit heute im grofsen zu machen daran ist: je mehr die bis-herigen Lebenszwecke fallen und genufssüchtige Motive mafs-gebend werden, desto weniger wird das von den letzteren inAussicht gestellte Ziel erreicht.Das ist gewifs", sagt Carlyle,wenn das, was man gemeiniglich Glück nennt, unser Zielist, so gehen wir alle irre." Mephisto, die Macht des Zweifelsund der Verneinung, welche heute den Menschen durch dasLeben begleitet, führt Faust zu den sinnlichen Genüssen, alsden einzig zweifellosen, in denen jener, während er sie kostet,vor Begierde verschmachtet.

Es sind die Jahre, die Carlyle als die düstersten seinesLebens bezeichnet. Von inneren Kämpfen zerrissen, an allemzweifelnd, trieb ihn damals allein die Sorge um das täglicheBrod zur Thätigkeit. Rettungslos schien er dem Pessimismusverfallen; Selbstmordgedanken lagen ihm nicht ferne. Seitjener Zeit bewahrten seine Züge die Spuren tiefen Seelen-schmerzes, wie sie seine Bilder, insbesondere das beste von

1 Paradise lost I, 157:To be weak is miserable, Döing or suffering."Vergl. Carlyle in Past and Present S. 297:all misery is faculty mis-directed."

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