Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
101
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1838:Eins frappierte mich ganz besonders in Goethe . Erhatte in seinem Wilhelm Meister eine Gesellschaft talentvollerLeute beschrieben, die sich gebildet hatte, um Vorschläge zuempfangen und Rat zu erteilen . . . Der Mann, derMeisters Leitung übernommen hat, erzählt ihm, dafs täglicheine Zahl Anfragen an die Gesellschaft gerichtet würden, dieman in verschiedener Weise beantwortete; dafs aber ganzbesonders viele nach einem Rezept zum glücklichen Lebenfragten: Das alles, sagte er, würde beiseite gelegt und garnicht beantwortet.Als ich dies zuerst las", fährt Garlylefort,wunderte ich mich nicht wenig. Was, sagte ich zumir selbst, war es nicht gerade ein Rezept fürs Glück, dasich mein ganzes Leben lang suchte, und bin ich nicht geradedeshalb, weil ich darin erfolglos blieb, so elend und unzu-frieden? Für eine bloi'se Paradoxie konnte ich die Stelle beiGoethes Aufrichtigkeit nicht halten: endlich, nachdem ichdieselbe eine lange Zeit überdacht hatte, fand ich, dafs sieeine grofse Wahrheit enthielt. Kein Mensch hat ein Recht,ein Rezept fürs Glück zu verlangen, er kann ohne Glückfertig werden; es giebt etwas besseres als das. Alle Menschen,die grofses geleistet haben, Priester, Propheten und Weise, hatten in sich einen höheren Leitstern als die Liebe zumGlück, nämlich geistige Klarheit und Vollkommenheit . . .Liebe zum Glück ist im besten Falle blofs eine Art Hunger,ein ungeregeltes Begehren im Menschen, weil ihm nicht genugvon den Süfsigkeiten dieser Welt zu Teil geworden ist. Wennman mich fragt, was denn dieses höhere Etwas sei, so kannich nicht sofort antworten, aus Furcht mifsverstanden zuwerden. Es giebt keinen Namen, den ich diesem Etwas bei-legen, und der nicht in Frage gezogen werden könnte. Esgiebt keinen Namen dafür; doch wehe dem Herzen, das esnicht fühlt: in einem solchen Herzen ist keine Kraft. Einst