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nannte man dieses Höhere das Kreuz Christi: sicherlich keinGlück!"
Wie jener Vorgang, den Carlyle seine Konversion nennt,sich im einzelnen vollzogen, darauf einzugehen ist unsereAufgabe nicht. Hervorzuheben ist nur, weil diese Gedankengeradezu den Mittelpunkt seiner Weltanschauung ausmachen,folgendes: die Selbstsucht, welche in individualistischen Zeiten,wie den unsern, die Triebfeder des menschlichen Handelnswird, hat den Menschen notwendig dem Pessimismus aus-geliefert — eine Erfahrung, die erst allmählich in der Gegen-wart gemacht wird. „Unsere Propheten predigen uns: dusollst glücklich sein, angenehme Dinge lieben und sie finden.Nun schreit das Volk, warum haben wir nicht angenehmeDinge gefunden?" Seine „Eitelkeit", d. h. sein Glaube, ge-boren zu sein, um glücklich zu sein, ist es, was ihm fort-während Enttäuschungen bringt. Die Leiden aber haben eineerziehende Kraft, sie führen zu einem Punkte, auf dem dieSelbstsucht gebrochen wird und die Entsagung eintritt. Aufdiesem Wege wird derjenige, dessen Egoismus nicht mehrdurch irgendwelche überkommene Glaubensvorstellungen ge-zügelt wird, zu einem ähnlichen antiindividualistischen Stand-punkt geführt wie der, den der Gläubige von vornherein ein-nimmt; daher denn Carlyle mit Goethe von der „Heiligkeitdes Leides" spricht.
Jener Vorgang aber, der Eintritt der Entsagung undSelbstüberwindung, der sich für Carlyle als „Konversion" dar-stellt, ist für den Verstand, der nur Lust- und Schmerzmotiveversteht, durchaus unbegreiflich; er fällt aus seinem Gebieteheraus, weil er nicht utilitarisch zu erklären ist; er ist fürden Verstand daher eine transcendente Erscheinung, weshalbdiejenigen, welche ihn durchmachen, ihn als „göttlich" oder„GnadenWirkung" bezeichnen. Wer sich zu diesem Stand-