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punkt erhoben, der hat die Welt besiegt. Seine früherenWünsche und Befürchtungen erscheinen ihm kleinlich; derTod verliert seine Schrecken. Je negativer ihm das Diesseitswird, desto positiver wird ihm ein Jenseits, unter welchendogmatischen, an sich nebensächlichen, Formen er es auchdenken mag. „Er fui'st im Jenseits".
Wenn Carlyle Aussprüche thut wie den, dafs die „Ent-sagung" das wichtigste im Leben sei, dafs mit ihr das Lebeneigentlich erst beginne, so darf man hieraus nicht schliefsen,dafs seine philosophischen Überzeugungen eine quietistischeGrundlage haben, in der Weise wie die buddhistische Re-ligion, das mittelalterliche Mönchstum und unter den NeuerenSchopenhauer die Entsagung gefafst haben. Carlyle erblickthierin eine Täuschung; denn aufser im leiblichen Tode, dendie Ascese anticipiert, giebt es keine Flucht von der Welt.Nicht draufsen, sondern im Menschen liegt die Welt; siefolgt ihm in die Mauern des Klosters und in die Höhle desAnachoreten. Uberallhin begleitet ihn „der dunkle Punkt desIch", und folgerichtig handeln alsdann allein die Büfser, diesich in die Fluten des Ganges oder unter die Räder desGötterwagens stürzen. Die Entsagung, die Carlyle lehrt, istnichts negatives, sondern Überwindung der Welt durch Thä-tigkeit, durch eine Thätigkeit, die nicht egoistisch, sondernin durchaus entgegengesetzter Weise bestimmt ist, und derenForm von der geschichtlichen Gesellschaft abhängt.
Die Form, in der Carlyle seiner antiindividualistischenGrundanschauung einen dem Denken der Gegenwart ent-sprechenden Ausdruck verlieh, bot ihm jedoch nicht mehr diepuritanische Weltanschauung, sondern die deutsche Philosophie:Kant, die Kantianer und vor allem Goethe. Wir können dieBedeutung der Deutschen für Carlyle wie für das neunzehnteJahrhundert überhaupt nicht besser ausdrücken, als mit fol-