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mehr glaubt, aber zu glauben vorgiebt. Solche müssen, jeeher desto besser, zerrissen werden, wie im gröfsten Mafs-stabe die französische Revolution gethau hat.
Carlyle sucht im Grunde hiermit unter einer dem moder-nen Denken entlehnten Form die christliche Anschauungsweiseseiner Jugend wieder herzustellen, freilich nicht die dogma-tische Form derselben, welche er vielmehr aufgiebt, wohl alterden Grundgedanken des Christentums: die altruistische Lebens-auffassung. Ja, Carlyle hatte, indem er jeden Quietismusverwarf und Selbstüberwindung nicht durch Weltflucht, son-dern durch Arbeit in der Welt verlangte, sogar den eigen-tümlichen Gesichtspunkt des Protestantismus wieder aufge-nommen, welcher das Ideal der mönchischen Vollkommenheitdurch das des christlichen Hausvaters und ■— so wenigstensbereits der englische Protestantismus — des modernen Staats-bürgers ersetzt. Hatte doch Cromwell, der gröbste Vertreterder englischen Reformation bereits ausgesprochen in eineman seinen Sohn gerichteten Briefe, dafs der Mann für denStaat geboren sei — ein Gedanke, der die Puritaner in derKajüte der „Maiblume" zusammentreten liefs, um sich zueinem Staatswesen im Namen Gottes zu vereinigen.
Aber selbst in dogmatischer Hinsicht weicht Carlyle vonden gröfsten der Puritaner, Milton und Cromwell, nicht all -zuweit ab. Auch für die letzteren war bereits das griechischeGewand, in das der vierte Evangelist und Origines denGlauben des Abendlandes gekleidet hatten, fadenscheinig ge-worden. Dogmatische Unterschiede waren für Milton undCromwell bereits sekundär. Cromwell hat sich für die Ge-wissensfreiheit erhoben; Gewissenszwang erklärt er für Ge-wissensmord. Für Milton ist nicht das „verbum scriptum",sondern das „verbum non scriptum" im Menschen, d. h. dasinnere Erlebnis Gewähr des Glaubens. Für beide ist wie für