Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
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Carlyle ein rein intellektueller, wenn auch noch so ortho-doxer Glaube von nicht mehr Bedeutung, als irgendwelcheHypothesen über die Welt; der Glaube ist ihnen vielmehrdie dem Individualismus entgegengesetzte Motivationsweise, dieV _ den ganzen Menschen erfafst, zunächst das Gebiet des Willensbetrifft, und alsdann erst für den Verstand gewisse diskutier-bare und wegen seiner subjektiven Beschränktheit stets un-vollkommene Folgerungen mit sich bringt. Ganz im Carlyle-sclien Sinn erklärt bereits Cromwell nicht alle, die dasselbeglauben, sondern alle, die da glauben, als die Kirche 1 .Carlyle war sich dieses Zusammenhanges zwischen seinemStandpunkt und dem Puritanismus seiner Vorfahren wohl be-wufst. Er verehrte im Christentum die für alle Zeiten mafs-gebende Macht, die den Altruismus für die Grundlage desmenschlichen Daseins erklärt hatte.

Das Gesagte genügt, um zu zeigen, wie sehr die Fol-gerungen aus Carlyles Standpunkt seinen Zeitgenossen, ins-besondere der klassischen Nationalökonomie, entgegengesetztsein mufsten. Während die letztere erklärte, dafs die indi-vidualistischen Triebe, sich selbst überlassen, die Harmoniein der Gesellschaft herbeiführen müfsten, leugnet Carlyle ihreWirksamkeit zwar nicht, behauptet jedoch, dafs sie, wo vor-handen, Reste des gesellschaftslosen Zustandes seien, dafsdurch sie die Gesellschaft nie in das Leben gerufen wordenwäre und dafs ein Auflösungsprozefs dort vorliege, wo sie vonneuem die Oberhand gewönnen.

Ein eigentümliches Zusammentreffen war es, dafs in den-selben Jahren, als Carlyle seinen Kampf gegen die herr-schende Weltanschauung eröffnete, von einer Seite, von deres am wenigsten zu erwarten war, seine Kritik der individua -

1 Vergl. Th. Carlyle, Oliver Cromwells Letters and Speeches I, S. 241.