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1 (1890)
Entstehung
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heilst, als es in seiner Entwicklung begreifen. Noch habenwir es zu einer Natur wie Gesellschaft einheitlich umfassen-den, entwicklungsgeschichtlichen Weltanschauung nicht ge-bracht. Der Versuch, den Herbert Spencer in dieser Ricli-r tung gemacht, ist zwar höchst wertvoll, leidet jedoch an einem

inneren Widerspruch zwischen den Aufstellungen derfirstpriuciples" und den naturwissenschaftlichen Schriften einer-seits und der später gegebenen socialwissenschaftlichen Lehreandererseits. Dafs aber diese wie andere Versuche zu einerphilosophischen Gesamtauffassung noch nicht geführt haben,mag der Grund sein, weshalb das entwicklungsgeschichtlicheDenken zwar die Wissenschaften, aber noch nicht dieWissenschaft und damit auch nicht das Leben beherrscht.Denn erst die Philosophie pflegt, wie das Beispiel der Auf-klärung des vorigen Jahrhunderts zeigt, die Brücke zu sein,auf der die wissenschaftlichen Anschauungen der Zeit, inder Form von politischen Lebensidealen, zu den Massen hinab-steigen in sofern die praktischste aller Wissenschaften.

Abkömmlinge jener Aufklärung, der Radikalismus und derrevolutionäre Socialismus vielmehr sind es, welche die Gegen-wart beherrschen. Unter ihrem Zeichen scheint auch die Zukunftzu stehen. Wer den Blick allein nach aufsen richtet, demmag der Himmel düster genug erscheinen; er mag, wie Carlylein schwermütigen Stunden that, einenjüngsten Tag" nichtmehr ferne wähnen. Hoffnung aber wird ihn erfüllen, wenner jene innere Bewegung erwägt, die unter der Oberflächesich vollziehend Emancipation vom achtzehnten Jahrhundertbedeutet. Hier liegen die Keimzellen, in denen das neun-zehnte Jahrhundert bereitet, was im zwanzigsten als ver-jüngende Macht ins Leben hinaus treten wird.