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Herrschaft kann sich auf die Dauer halten, der nicht vonSeiten der Unterthanen etwas von Hingabe entgegengebrachtwird. Mehr und mehr gewinnt die letztere das Über-gewicht. „Heroworship", d. h. Verehrung des Starken durchden Schwachen, die Unterordnung des Beherrschten unterden Herrscher wird mehr und mehr die Grundlage aller ge-sicherten Gesellschaftsverhältnisse. „Selbst in der rohestenMenschengemeinde unterwirft sich der Mensch niemals gänz-lich der rohen Gewalt."
Wie weit einer herrscht oder beherrscht wird, ist nichteine Frage der persönlichen Willkür, noch weniger vom Ge-setze abhängig. Ein jeder herrscht, soweit er herrschen kann,und wird beherrscht, soweit er beherrscht werden mufs. „DerMensch ist stets der geborene Leibeigene gewisser Menschen,der geborene Herr gewisser anderer Menschen, der geboreneGleiche gewisser noch anderer, möge er nun diese Thatsachenanerkennen oder nicht. Es ist ein Unglück für ihn, wenner sie nicht anerkennen kann. Alsdann befindet er sich ineinem chaotischen Zustande und schwebt in Gefahr unter-zugehen 1 ."
Herrscher ist der mächtigere, zunächst der körperlichstärkere, aber nie der allein körperlich stärkere, mehr undmehr der gesellschaftlichere, was für Carlyle nicht nur denbesseren, sondern den einer intuitiven Einsicht fähigeren,d. h. den weiseren bedeutet. Die englischen Sachsen hattennicht schwächere Knochen als ihre normannischen Besieger.Aber die letzteren waren die gesellschaftlicheren, eine durchviele Bande in sieh und mit ihrem König verbundene Ge-meinschaft. Im Vergleich zu ihnen lebten die Sachsen ingesellschaftslosen Zuständen. Darum waren die Normannen
1 Vergl. Carlyle, Past and Present Buch IV, Kap. I.