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daraus erklärt hat. Die Möglichkeit eines geschichtlichen Ver-ständnisses der gesellschaftlichen Entwicklung beruht darauf,dafs — ähnlich wie die lebenden Individuen — so auch dieeinzelnen Gesellschaftsgebilde in verwandtschaftlichem Zu-sammenhang stehen. Ähnlich wie die Naturwissenschaft dieeinzelnen Glieder einer Species als Einheit auffafst, so bildenauch die Gesell Schaftserscheinungen ein ganzes: die Mensch-heit. Die Entwicklung der Gesellschaft ist unabhängig vondem Entstehen und Vergehen der Individuen. Letztere da-gegen sind durch Vererbung und Erziehung in allem ihreErzeugnisse. Sie sind nicht nur vermöge der Arbeits-teilung von ihren mitlebenden Genossen abhängig, sondernverdanken alles, was sie sind, der Arbeit der Vergangenheit.„Dieses England von heute ist das Ergebnis von allem, wasweise, edel und in Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit inallen Generationen von Engländern gefunden wurde — vonallem, was je eine Distel abschnitt, einen Sumpf austrocknete,einen weisen Plan ausführte, etwas wahres und tapferes thatoder sagte 1 ." Eine unendliche Menge gethaner Arbeit liegthinter uns, von der nur ein kleiner Bruchteil in der Er-innerung der Menschen lebt, das meiste der Vergessenheitanheimgefallen ist. Der Arbeit seiner Vorfahren verdanktinsbesondere der Kulturmensch sein Dasein und seine mora-lischen wie intellektuellen Errungenschaften: Sprache, Poesie,Wissenschaft, Recht und Religion. Einer, der daher die Ge-schichte vollständig übersähe, wäre allwissend, denn allesWissen, alle Wissenschaften sind in derselben enthalten, wiez. B. die mathematischen Begriffe: Sphäre und Cylinder, Ergeb-nis der Arbeit des Menschen Archimedes sind und bestimmteDurchgangspunkte in der Entwicklung der Menschheit be-
1 Vergl. Carlyle in Past and Present S. 72. .