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1 (1890)
Entstehung
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deuten. Von diesem Gesichtspunkte aus in Verbindung mitdem Carlyleschen Idealismus wird der Satz verständlich, dafsdie ganze Welt ein Produkt der Gesellschaft sei; denn unsergesamtes Erkenntnisvermögen wurde erst im Laufe der Ge-schichte entwickelt. Es ist dies im Grunde nichts als dieBehauptung der Relativität aller Erkenntnis; z. B. das Ge-setz der Schwere wurde nicht sowohl vom Menschenauf-gefunden" als entwickelt. Anders konstruierten, erkennendenSubjekten brauchte es nicht einzuleuchten, daher ist überhauptdie Aufsenwelt Erzeugnis der menschlichen Entwicklung 1 .Carlyle sagt in seinem 1833 veröffentlichten AufsatzÜberGeschichte":Alle Bücher, wären es Liederbücher oder Ab-handlungen über Mathematik, sind am Ende historische Do-kumente, ebenso wie alle Rede es auch ist".Die Geschichteist nicht blofs das geeignetste, sondern das einzige Studiumund schliefst alle anderen in sich."Der in der Geschichtevollkommene, der alles, was das Menschengeschlecht bishergewesen oder gethan, verstünde, sähe und wüfste, wäre inaller vorhandenen und möglichen Gelehrsamkeit vollkommen.Er brauchte hinfort nicht mehr zu studieren, sondern esbliebe ihm weiter nichts übrig, als etwas zu sein und zuthun, damit andere Geschichte dai'aus machen und etwas vonihm lernen könnten."

Die Gesellschaft wird mit wachsender gegenseitiger Ab-hängigkeit der einzelnen von einander mehr und mehr zu einemOrganismus. Hieraus folgt, dafs die gesellschaftlichen Menschenbeziehungsweise Gruppen der Menschen mehr und mehr auf-

1 Für die niedrig organisierten Tiere stellt sich die Aufsenwelt ge-wifs ganz anders dar, z. B. den noch ultraviolette, also uns durchausunbekannte Farben empfindenden Ameisen. Für die niedersten Lebe-wesen beginnt sie mit dem Unterschiede zwischen Licht und Dunkel,ähnlich wie für das neugeborene Kind.