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Die inneren Formen der Gesell schalt.
Alle gesellschaftliche Zusammenfassung der Menschen istbedingt durch eine gewisse Selbstaufopferung von Seiten deseinzelnen. Wie gezeigt, ist eine geringe Menge davon schonhei den allereinfachsten der socialen Erscheinungen unent-behrlich. Einige wenige, die Helden der Menschheit, erhebensich zum Enthusiasmus, d. h. zum gänzlichen Aufgehen inaufser ihnen liegenden Zwecken, während hei den meistender Egoismus noch vorherrscht und nur ganz allmählichzurücktritt. Diese Überwindung der Selbstsucht nennt CarlyleReligion, auf der daher nach ihm alle Gesellschaft beruht.Er steht mit dieser Bezeichnung in Übereinstimmung mit denfortgeschritteneren Religionen, insbesondere mit der höchstenuns bekannt gewordenen, welche ihr Wesen in einen radikalenUmschwung des menschlichen Willens setzt. Indem derChrist dem natürlichen Menschen abstirbt, wird ihm Wieder-geburt und Erlösung zu Teil. Dem gegenüber sind die Vor-stellungen des Glaubens, die Dogmen, zwar unentbehrlich,aber doch nur Mittel und daher als solche jenem Zweckuntergeordnet. Denn es will der Mensch nie abstrakt, ob essich nun um egoistisches oder altruistisches Wollen handle,sondern er will stets ein bestimmt vorgestelltes Ziel, welchesdem Gebiet der Vorstellung angehört. Wollen und nach be-wufsten Zwecken wollen, ist das gleiche 1 . Wir betrachtenzunächst das dem Egoismus, sodann das dem Altruismus ent-sprechende Gebiet der Vorstellung.
1. Das Wollen des natürlichen Menschen gleich dem desTieres ist selbstsüchtiger Natur, lediglich auf Erhaltung undFortpflanzung des eigenen Daseins gerichtet. Jedoch ist dieses
1 Ähnlich Jhering in seinem Zweck im Recht.