Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
123
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2. Wenden wir uns nun von dem isolierten Individuum,zu dem, welches in gesellschaftlichen Verhältnissen steht, oderwas nach dem oben angeführten Sprachgebrauch dasselbe be-sagt, vom natürlichen zum religiösen Menschen. Auch hierist abstraktes Wollen undenkbar. Hingabe, Selbstaufopferungsind unmöglich ohne ein bestimmtes Objekt, auf welches sichdas altruistische Wollen bezieht. Zwar geht diese Art desWollens über den Verstand hinaus, ja sie ist ihm notwendigentgegengesetzt. Es liefse sich eigentlich nur in Negationendavon reden, etwa in folgender Weise: du bist nicht dazu daLust zu suchen und Schmerz zu vermeiden, sondern der Lustzu entsagen und Leid auf dich zu nehmen, nicht dem Dies-seits zu leben, sondern einem durchaus entgegengesetztenJenseits; denn jenes ist nur scheinbar, vergänglich und weniggeeignet ein sicherer Grund deines Daseins zu sein, letzteresdagegen ist das einzig Wahre, auf das du sicher dein Daseingründen kannst.

Solche negative Sätze jedoch sind für den, der nichtbereits von religiösen Vorstellungen erfüllt ist, bedeutungslos.Der Mensch mufs ein bestimmtes Ziel denken, dem er sichaufopfern, einen bestimmten Gegenstand, den er lieben kann;ohne das sind Aufopferung und Hingabe undenkbar. Wiedaher das egoistische Wollen als notwendiges Korrelat diesinnliche Welt hervorbringt, so ist die notwendige Begleit-erscheinung des altruistischen, d. h. gesellschaftlichen Wollensebenfalls eine Welt von Vorstellungen. Dieselben sind zwaraus sinnlichem Material aufgebaut, denn der Mensch, als zeit-liches Wesen, verfügt über kein anderes. Dagegen haben sieeine andere Bedeutung, als ihnen nach rein verstandesgemäfserBetrachtung zukommt, sie sind Symbole, als solche eineVer-körperung des Unendlichen". Denndas Unendliche mufssich mit dem Endlichen verschmelzen, um sichtbar und sozu-