Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
125
Einzelbild herunterladen
 

die Idee Gottes, wie sie von den höchsten Religionen gefal'stist, zwar nur Symbol, denn gerade das, was wir über Gott unsvorstellen, ist durchaus anthropomorphistisch und gehört dieserWelt an. Dagegen ist sie das höchste Symbol, weil sie dieselbstloseste Liebe ermöglicht. In ihr ist am vollständigstenausgedrückt, was die übrigen Symbole nur beschränkt aus-drücken: die Relativität der Sinnenwelt und des Individuums.Während daher die anderen Symbole mehr oder wenigerselbstsüchtige Elemente mit ins Spiel setzen, tritt durch sierein altruistisches Handeln ein.

Wir sehen wie Carlyle den Begriff des Glaubens weiterfal'st, als man gewöhnlich thut. Familien- und Vaterlandsgefühlfallen ihm z. B. ebenso darunter wie religiöse Gefühle imengeren Sinn. Die ganze Summe dieser Vorstellungen bildetden Schatz des Glaubens eines Volkes. Sein Glaube ist diewichtigste Thatsache in Beziehung auf dasselbe. Währenddie Selbstsucht stets dieselbe bleibt, ist der Glaube daswechselnde, dem die verschiedenartigen Gesellschaftsbildungenzu verdanken sind. Der Glaube eines Volkes ist subjektivdas, was objektiv seine äufsere Geschichte ist. Darum ist esein Irrtum, die Geschichte desselben auf Selbstsucht zurück-zuführen. Wäre diese das allein bewegende, so wäre nie eineGeschichte entstanden..In welchem Lande und zu welcherZeit ist wohl bis jetzt die Geschichte des Menschengeschlechtesnach berechneten und berechenbaren Motiven vor sich ge-gangen? Wie steht es mit eurem Christentum und Rittertum,eurer Reformation, eurer Marseillaise und eurer Schreckens-herrschaft? Ja, ist nicht der Motivenmüller einmal verliebtgewesen?" fragt Carlyle.

Glauben und Weissen sind ihrem Ursprünge nach ver-schieden, ja einander so entgegengesetzt, dafs vom Standpunktdes einen über das andere nur ein negatives Urteil möglich