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ist. Für den in der Selbstsucht befangenen Menschen freilichist das Diesseits das allein wirkliche, der Glaube an ein Jen-seits Wahnvorstellung. Für den dagegen, der den innerenUmschwung, die „Konversion" durchgemacht hat, ist derGlaube nicht nur ebenso sicher, sondern vielmehr das absoluteund wahre, „die Thatsache der Thatsachen", der gegen-über der Verstand als Licht dieser Welt nur beschränkteGeltung hat und dem Glauben durchaus untergeordnet ist.
Trotzdem aber kommen beide um deswillen fortwährendmiteinander in Berührung, weil auch die Vorstellungen desGlaubens aus dem Material der sinnlichen Erfahrung auf-gebaut sind. „Die Religion ", sagt Carlyle, „wirft durch dieintellektuellen Media Scheinbilder." Es sind das die Reli-gionen, welche dem Denken angehören und darum alleinGegenstand der Wissenschaft sind. Sie werden durch dieFantasie hervorgebracht, welche Carlyle die Fähigkeit desMenschen nennt, wodurch er das unendliche zu fassen ver-möge.
Damit aber wird ein unlösbarer Widerspruch in dasIndividuum hineingetragen, seiner doppelten Eigenschaft alsselbständigem Einzelwesen und Teil eines Gesamtwesens ent-sprechend. Es besteht ein fortwährender Kampf zwischenden Glaubensvorstellungen, welche einem früheren Stande desWissens entsprechen, und dem stetig fortschreitenden empirischenWissen. In diesem Kampfe ist der Sieg scheinbar stets aufSeite des letzteren, die einzelnen Sätze des Glaubens werdeneiner nach dem andern vernichtet. „Die Zeit entheiligt all-mählich alle Symbole". Während die Ergebnisse der Er-fahrung als bleibend aufgespeichert werden und sich mehrund mehr zu einem System des materialistischen Monismuszusammenschliefsen, ist der Glaube das vergängliche. Dieeinzelnen Glaubensvorstellungen werden immer abstrakter, wie