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Welt verneint, verneint der Glaube das individuelle Daseinund. bejaht das des geglaubten Gegenstandes, welchem er einenvom individualistischen Standpunkt aus schlechterdings unver-ständlichen Wert beilegt. Welches nun dieser Gegenstandsei, dem der Mensch seinen Willen also unterordnet, hängtvon dem geschichtlich gewordenen System der Glaubensvor-stellungen ab, welche zur Zeit herrschen.
Die Thätigkeit aber, welche aus dem Glauben herausgeschieht, nennt Carlyle „Arbeit". Alle andere Thätigkeit,möge sie noch so geschickt sein, ist, weil individualistisch,vom Thun des Tieres, das oft auch außerordentlich kom-pliziert ist, ihrem Wesen nach nicht verschieden. Alle wahreArbeit geschieht um ihrer selbst willen. „Berechnung vonGewinn und Verlust" ist für das Thun des Menschen nur insoweit von Bedeutung, als dieses Thun noch individualistischist, oder als er in Zeiten lebt, in denen individualistischeBeweggründe wieder in den Vordergrund treten. Die Ge-schichte ist nicht aus solchen hervorgegangen. Alle grofsenErrungenschaften der Menschen waren ohne einen gewissenGrad von Entsagung auf Seiten des einzelnen unmöglich.Die Helden der Geschichte opferten mehr oder weniger ihrLeben. Der Apostel setzte nicht nach Europa über aus Er-wägung von Gewinn und Verlust und doch wurde diese That-sache allbestimmend für die Entwicklung unseres Weltteils.Jeder redliche Arbeiter macht ähnliche Erfahrungen. DerSchriftsteller, welcher nur um des Erfolges willen schreibt, schafftTageslitteratur, welche gütige Vergessenheit bald wieder dahinnimmt. Jede wissenschaftliche Leistung ist nur möglich unterVoraussetzung der Liebe zur Sache. Das gleiche gilt vonjedem künstlerischen Schaffen. Aber auch für das niedersteHandwerk besitzt das Wort der alten Mönche: „laborare estorare" Wahrheit. Das Wesen der Arbeit ist für den Ver-
v. Schitlze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 9