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sagt er, „würde Gesellschaft überhaupt gar nicht existieren.Durch jene existiert sie; in ihnen auch, wie immer ent-standen und aufrecht erhalten, liegt das wahre Gesetzbuchund die Verfassung der Gesellschaft, welcher sie in keinerWeise ungehorsam sein kann. Das Ding, das man geschrie-benes Recht, Verfassung, Regierungsform u. s. w. nennt, istnur ein Miniaturbild, ein feierlich ausgesprochener Abrissdieses ungeschriebenen Kodex — ist es oder ist es auchnicht, aber sollte es immer sein und strebt immer dahin, eszu sein. In diesem letzteren Gegensatz liegt der Grund zuendlosen Kämpfen." Die äulseren Formen der Gesellschafthängen, wie oben gezeigt, von den inneren Formen ab.Ähnlich wie nach A. Comte „die Ideen die Welt regierenund umstürzen", so sind es auch für Carlyle die „innerenFormen", der „Glaube" der Menschen, von denen die äufsereVerfassung der Gesellschaft abhängt. Wie daher nach Carlylejener vergänglich ist, so ist es auch diese, wenn auch dieentsprechenden Veränderungen beider zeitlich successiv aufeinander folgen, so dafs ein System der Gesellschaft nochlange bestehen kann, nachdem bereits der Glaube, dessenAusdruck es ist, dahingeschwunden. Unter den Sitten giebtes eine gewisse Anzahl von Regeln, welche den Menschenso unbestreitbar zu sein scheinen, dafs man sie als endgültig(final) empfindet: das „Sittengesetz". Nichts desto wenigersind sie, wenn zwar bei weitem langsamer, doch auch ver-änderlich, wie der Umstand beweist, dafs weit auseinander-liegende Kulturkreise nicht selten Handlungen für sittlich er-laubt oder gar geboten erachten, welche andere als unsittlichverwerfen.
Man unterscheidet nach Carlyle zwischen den „morals",d. h. dem wechselnden Sittengesetze und der „Religion",jener transcendenten, den Grund des ersteren bildenden