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Die Geschichte ist der Prozefs der Socjalisierung derMenschheit. Derselbe vollzieht sich in einer Veränderung derinneren und äufseren Formen der Gesellschaft, indem in ihnendas sociale Element immer reiner zum Ausdruck kommt.Diese Entwicklung ist jedoch nicht eine stetige. Ähnlich denmenschlichen Individuen entstehen Gesellschaften, wachsenheran, leisten ihre Arbeit — wie jene für das Volk, so diesefür die Menschheit — um wieder zu vergehen und jüngerenGebilden Platz zu machen, welche aus dem Boden, in denjene sich zersetzten, emporwachsen. „Sie wachsen, und nachlanger sturmvoller Jugend, blühen sie zur Reife und Höhe.Dann verfallen sie schnell, denn alle Blüte ist kurz; traurigschwinden sie hin, bröckeln zusammen oder stürzen gewalt-sam nieder: geräuschlos oder geräuschvoll." So zählt manvon Chlodwig bis Ludwig XIV zwölf Jahrhunderte und be-reits beim Tode seines Nachfolgers liegt das Königtum imSterben. Ein plötzlicher Zusammensturz wird besondersdann erfolgen, wenn, was nicht selten vorkommt, sociale Ge-bilde aufrecht gehalten wurden, nachdem das Leben längstdaraus entwichen, ähnlich wie ein toter entblätterter Baumnoch lange stehen kann, bis ein Windstofs ihn niederreifst.Gerade von solchen Katastrophen, — Revolutionen, Krie-gen etc. — ist die Geschichtschreibung erfüllt, während siedie jahrhundertlange Arbeit des Landmanns und des Den-kers, welche die Gesellschaft erbauten, übergeht. Daher derSatz eine gewisse Wahrheit hat: „Glücklich die Völker, derenAnnalen leer sind."
Fragen wir nun, wodurch unterscheiden sich Periodensocialen Wachtums von solchen socialer Auflösung? Die Ant-wort, welche Carlyle hierauf giebt, ist trotz grofser Verschie-denheit des Ausdrucks, nicht weit entfernt von der Herbert