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dem Menschen die Götter." Unter ihnen aber sind es dochwieder einzelne, besonders hervorragende, von denen derFortschritt in Wahrheit ausgegangen: sie sind die geistigenHelden und Herrscher der Menschen, von denen der Glaubeund damit mittelbar auch die äufsere Gestaltung der Gesell-schaft, die Geschichte der Menschheit abhängt. Individua-listische Zeiten — ohne Verständnis für andere Beweggründe— haben die Entstehung der Religionen auf Zweckmäfsig-keitserwägungen d. h. auf mehr oder minder bewufste Täu-schung zurückgeführt. Gläubige Zeiten dagegen haben dieWorte ihrer Propheten als Eingebung verehrt, nicht zu Unrecht,indem die Selbstaufgabe und Begeisterung, die wir bei jenenMännern finden, schlechterdings aus dem Gebiete der Er-kenntnis herausfallen. Sie lebten in der That in einer jen-seitigen Welt, wenn sie auch nicht anders als im sinnlichenund vergänglichen Material dieselbe zum Ausdruck bringenkonnten.
Das Volk nun nahm den Glauben an, sagen individua-listische Zeiten, indem es auf die Freiheit seines Urteils ver-zichtete und einer äufseren Autorität sich beugte. Ganz imGegenteil, meint Carlyle, der Glaube jener Zeiten ist ein inner-licher höchst persönlicher Akt, auf den kein äufserer ZwangEinflufs haben kann. Unfrei dagegen wird der Glaube dann,wenn er Bemühung wird „zu glauben, dai's man glaubt", wo-bei die Gefahr der Unwahrheit sehr nahe liegt, und dies istgerade in Zeiten der Fall, in denen ein Glaubenssystem ver-fällt. Gläubige Zeiten dagegen sind innerlich frei und wahr.„Es ist nicht nötig, dafs der Mensch eine Wahrheit selbst ent-deckt haben müsse, um daran zu glauben und noch so auf-richtig daran zu glauben." „Das Verdienst der Originalitätist nicht Neuigkeit, sondern Aufrichtigkeit; der gläubigeMensch ist der originale Mensch; was immer er glaubt, er