Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
141
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Negative Zeiten.

Auf Perioden des Glaubens folgen solche des Unglau-bens. Denn die einzelnen Glaubensvorstellungen werden mitdem Fortschreiten des Wissens gestürzt. An sich zwar istnach Carlyle der Glaube dem Wissen durchaus gleichbe-rechtigt. Letzteres entspricht dem individualistischen, erstererdem gesellschaftlichen Dasein. Wie die beiden Motivations-weisen, die egoistische und die sociale, schlechterdings unver-gleichlich sind, so sind auch die ihnen zugehörenden Gebietedes Bewufstseins, das empirische Wissen und der Glaube, sosehr entgegengesetzt, dal's, wie oben gezeigt, vom Standpunkt deseinen aus das andere lediglich als negativ erscheint. Zwischenbeiden besteht jedoch der Unterschied, dal's der Mensch zu-nächst Individuum ist. Daher ist das Wissen, d. h. die sinn-liche Erfahrung, das zeitlich frühere. Auch der Glaube istauf jene als sein Material angewiesen. Er verarbeitet das-selbe jedoch nicht mittelst logischer Abstraktion, sondern zuseinen Zwecken und steht daher mit der verstandesgemäfsenErkenntnis seiner Natur nach im Widerspruch. Nun abervermehrt sich von Generation zu Generation der Schatz fest-stehender Kenntnisse. Des weiteren durch jede gethane Ar-beit verändert sich die Struktur der Gesellschaft, damit auchdas Erkennen und Denken des Einzelnen. Dieser Entwick-lung nun hat der Glaube sich anzupassen. Eine Veränderungder herrschenden Glaubensvorstellungen, entsprechend derDenkweise der Zeit, findet sich in der Geschichte aller Re-ligionen. Als Beispiel hierfür denke man an den verschie-denartigen Inhalt, den man zu verschiedenen Zeiten demüberlieferten christlichen Glaubensbekenntnis gegeben hat,oder an die brahmanische Umgestaltung der Religion derVeden unter Aufrechterhaltung der Autorität jener heiligen