Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
142
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Bücher. Mit Recht sagt daher Carlyle:Kein Mensch kanngenau das glauben, was sein Vater geglaubt hat 1 ".

Er unterscheidet in der Entwicklung der Glaubensvor-stellungen drei Perioden: 1. die Periode des Wachstums so-lange dauernd als, in Übereinstimmung mit den Fortschrittendes Denkens, sich die Glaubensvorstellungen leicht undzwanglos entfalten. 2. Die Periode der Blüte, die kurzeZeit umfassend, da der Glaube sich zu einem vollständigenSystem entwickelt hat, welches in dem Bewufstsein der Zeit-genossen das gesamte Wissen der Zeit in sich schliefst. 3. DiePeriode des Verfalls, der Punkt, da die Erkenntnis fort-schreitet, der Glaube aber, dessen Ursprung einer durchausandersartigen Erkenntnisstufe angehört, ihr nachzufolgen nichtmehr elastisch genug ist. Alsdann beginnt der Prozefs derZersetzung der herrschenden Glaubensvorstellungen. Der-selbe ist jedoch zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht in allenTeilen der Gesellschaft gleich weit fortgeschritten, eine Tliat-sache, welche für die Geschichte solcher Perioden von gröfsterWichtigkeit ist. Bei den unteren Klassen, der Landbevölke-rung und den Frauen wird der Glaube noch lange herrschen,während die sogenannten gebildeten Klassen, die städtischeBevölkerung, die Männer bereits dem Unglauben verfallen sind.

Nicht nur zeitlich nebeneinander steht Glaube und Un-glaube. Das Bild wird dadurch noch komplizierter, dafszwischen beiden eine Reihe von Übergangsstandpunktenliegen. Vom Glauben hängt das ganze System der Gesell-schaft, mit welchem wiederum unzählige Einzelinteressen ver-knüpft sind, ab. Carlyle unterscheidet einen doppeltenStandpunkt, welcher vor Übergang zu völligem Unglaubensich einzustellen pflegt. Der erste ist ein vom Unglauben

1 Vergl. Hero and Heroworship S. 140.