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angekränkelter Glaube, der zweite thatsächlich bereits Un-glaube, welcher nur die äufseren Formen des Glaubens nochbeibehalten hat.
1. Solange es geht, versucht man Glauben und Wissen sogut als möglich zu vereinigen. Aber diese Vereinigung voll-zieht sich nicht mehr wie in den gesunden Zeiten unbewufst,sondern wird zur bewufsten Bemühung. Statt der Religionhat man nun „Beweise über die Wahrheit der Religion".Der Glaube ist nicht mehr der unbestrittene Ausgangspunktalles Denkens, sondern der Zielpunkt, welchen man auf demWege der logischen Deduction zu erreichen sucht. Es ist dasZeitalter der sogenannten dogmatischen Philosophie, welchedie überlieferten Glaubensvorstellungen aufnimmt und be-weist z. B. das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele,wohl gar ein ganzes theologisches System. Nun aber wirdlogisches Denken natürlich nie imstande sein, einen Glaubenzu begründen, vielmehr je furchtloser es durchgeführt wird,desto mehr zur Einsicht von der Unhaltbarkeit des Glaubensführen. Daher der Glaube, indem er aufhört, Sache desWillens zu sein und gedankenmäfsig wird, steten Zweifelnund Einwürfen ausgesetzt ist. Carlyle nennt diesen selbst-quälerischen Glauben 1 , der nicht glauben kann und immerwieder zu glauben sich bemüht, auch „Methodismus", weil erihm in der diesen Namen führenden Sekte seines Heimats-landes verkörpert schien. Es ist in gewisser Weise die vor-letzte Stufe der Entwicklung, meint Carlyle, wenn Menschen,welche auf dieser praktischen Erde leben, „sich so wie eineverlorene Welt retten zu können vermeinen durch theore-tische Beweise und laute Verherrlichung ihrer Kirche anstattdes stillen, unbewufsten, aber praktischen Beweises einer
1 „A seif iutrospection and an agonising inquiry".