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1 (1890)
Entstehung
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schaftlich erheben sie sich, um die Zeitgenossen der Lüge zuzeihen, beseelt von unversöhnlichem Hais gegen die leeren,nicht mehr geglaubten Symbole, mögen es nun Götterbildersein oder Glaubensartikel welche einst den Vorfahren etwasgöttliches versinnbildlichten, nun aber nichtsals Stücke be-malten Holzes, beziehungsweise Schafshaut mit Tinte darauf"sind. Solche Männer sind diewahren Ikonoldasten", dieBilderstürmer der geistigen Welt unvermeidliche, ja segens-reiche Erscheinungen. Denn die Glaubensvorstellungen, welchesie niederreifsen, sind ungesund oder tot, bezweifelt oder nurnoch scheinbar geglaubt. Je eher sie fallen, um so besser.Denn destoweniger Menschen werden alsdann durch sie zuinnerer Unwahrheit geführt. Diese aber bedeutet die Un-möglichkeit irgend welchen sittlichen Handelns, denn diesessetzt voraus, dafs der Mensch sein Dasein aufser ihm liegen-den Zielen unterordne, welche natürlich vor allen Dingenfür ihn unbezweifelt d. h. wahr seiu müssen.

In zwiefacher Weise nun kann sich die Zerstörung derüberlebten Glaubensformen vollziehen, je nachdem die Männer,die sie vollziehen, positive Elemente genug vorfinden, umReformatoren zu werden, oder lediglich negativ d. h. als Re-volutionäre zu wirken. Welch ein Unterschied besteht zwischenden Reformatoren und den Aufklärern des achtzehnten undneunzehnten Jahrhunderts?

Im ersten Fall handelt es sich darum, den noch lebendenKern des Glaubens von den abgestorbenen Umhüllungen zubefreien. Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehen auffrühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungenzu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubensvor-stellungen sind insofern für Reformationen am verwertbarsten,weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegenüber an-passungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wieder einen le-

v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. 10