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opfert. Trotzdem ist aber auch bei ihnen nicht selten eingewisser Enthusiasmus bemerkbar, ein Hals gegen die ihnenunglaublich gewordenen Glaubensvorstellungen, wie er sichin dem „öcrasez l'infame" des Voltaire ausspricht. Aberdieser rein negative Enthusiasmus hat nicht die konstruktiveMacht des Glaubens. Auch ist er vielfach verbunden mitegoistischen Motiven — und zwar in wachsendem Grade mitfortschreitender Auflösung — mit Ruhmsucht, Ehrgeiz undEitelkeit.
Alle diese Bemühungen haben eine Tendenz, welcheimmer unverhüllter hervortritt. Je mehr die Formen desGlaubens zerfallen, desto mehr gelangt das Individuum, d. h.das Thier im Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft.Selbstsucht für das praktische, empirische Erfahrung für dastheoretische Gebiet gelten als das einzig reale. Damit treibt dieMenschheit zum „entsetzlichen Wahnsinn des Materialismus".
Die lange und vielfach komplizierte Geschichte der ne-gativen Zeiten geht der Erreichung dieses Nullpunktes voran.Carlyle hat eine Reihe charakteristischer Merkmale auf-gestellt, durch welche sich das Geistesleben der negativenvon dem der positiven Zeiten unterscheidet. Solange derMensch von altruistischen Motiven beherrscht und als Organdes gesellschaftlichen Ganzen thätig ist, vollziehen sich dieFunktionen des Gesellschaftslebens unbewufst, ähnlich wie dieFunktionen des gesunden menschlichen Körpers. Sie werdendagegen bewufst vorgenommen, je mehr der Individualismus zurHerrschaft gelangt. „Bei allen Kundgebungen der menschlichenNatur, äufseren und inneren, persönlichen und gesellschaft-liehen, kennt das Vollkommene sich selbst nicht, währendalles was sich kennt, mehr oder weniger unvollkommen ist."„Unbewufstheit gehört dem reinen, ungemischten Leben an,
Bewufstheit einer krankhaften Mischung, einem Kampfe zwi-
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