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1 (1890)
Entstehung
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Leben und Tod 1 ". Daher ist das sittliche, d.i. das gesell-schaftliche Handeln unbewulst in den gläubigen Zeiten, wo-gegen die Zeiten des beginnenden Unglaubensan Stelleheroischer Thaten Moralphilosophien" hervorbringen. DieTugend wird selbstgefällig zur sogenanntenSentimentalität".Prediger verkündenWohlwollen" nach allen vier Windenund tragen Wahrheit auf ihren Petschaften eingegrabenunglücklicherweise aber mit wenig oder gar keinem Erfolge."Zuletzt aber folgt die Aera der Sophisten, die über dasDasein der Tugend schwatzen, sie beweisen oder leugnen undauf mechanische d. h. auf utilitarische Weise erklären.

In gleicher Weise verdankten die Staats- und Rechts-philosophien nicht dem kräftigen Zeitalter der antiken Repu-blik ihr Dasein. Alle diese Theorien gehen darauf hinaus,Recht und Staat, deren Wert in positiven Zeiten für denMenschen etwas transcendentes, d. h. Gegenstand des Glau-bens ist, ihres überirdischen Scheines zu entkleiden. Von ihnenRechenschaft geben nämlich heifst nichts anderes, als sieauf das Individuum zurückführen und ihre Entstehung ausdem Egoismus herleiten. Alle Philosophie, je mehr sie reinlogisch verfährt und je weniger sie Elemente des Glaubensin sich aufnimmt, wird einerseits beim Materialismus anderer-seits beim Utilitariertum endigen.

In nahem Zusammenhang hiermit steht der Unterschied,dafs in positiven Zeiten der Prophet oder Dichter, d. h. derbegeisterte Denker, der geistige Führer ist, in negativen da-gegen der Logiker, der nicht begeisterte Denker. Der erstereallein wirkt produktiv; ihm verdankt man die Gestaltung jenerSymbole, die allein den Menschen zu socialem Thun veran-lassen. Selbst auf rein intellektuellem Gebiete besteht ein

1 Vergl. Characteristics S. 227.