Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
156
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jektive Vorbedingung desselben: ein positiver Glaube fehlt.In der Demokratie", sagt Carlyle,liegt an sich nichts de-finitives. Mit dem vollsten Gewinn der Demokratie ist ansich noch nichts gewonnen, aufser Leere und der freien Mög-lichkeit, zu gewinnen."Demokratie war nie fähig, ein Werkzu vollbringen, aufser dem, sich selbst auszustreichen". Car-lyle führt für diese seine Ansicht sogar das Beispiel der vielgerühmten antiken Demokratien an. Auch diese sind ihm einSymptom für den Beginn des Auflösungsprozesses der altenWelt.Auch Rom und Athen ", sagt er,haben, wenn wirdie Sache vom praktischen Standpunkt betrachten, nicht durchlaute Abstimmungen und Debatten der Massen, sondern durchweise Einsicht und Herrschaft der wenigen, ihr Werk voll-bracht 1 ." Der Radikalismus hinterläfst im Laufe seiner Ent-wicklung ein Nettoresultat von Null und Leere für eine neueOrdnung. Ja, es ist so sehr negativ, dafs es gar nicht ihrVerdienst ist, wenn unter seiner Herrschaft die Gesellschaftnoch fort besteht. Vielmehr beruht dies allein darauf, dafsaus vergangenen Zeiten noch positive Elemente überliefertsind, dafs insbesondere in abgelegeneren Kreisen der Gesell-schaft noch alter Glaube nicht verschwunden, noch alte For-men nicht zur Lüge geworden sind, dafs vielmehr noch eineReihe socialer Institutionen die Verehrung der Mehrzahl be-sitzen 2 .

Hieraus erklärt sich Carlyles eigentümliche Stellung zu demRadikalismus, insbesondere zu seinem fortgeschrittensten Flügel,den eigentlichen Umsturzparteien. Obgleich ihnen innerlichso entgegengesetzt, dafs es vielleicht im neunzehnten Jahr-hundert keinen entgegengesetzteren Standpunkt gegeben hat,

] Vergl. Chartism Cap. Y.

3 Für die Bedeutung der modernen Demokratie, welche für Carlyleals unabwendbare Tbatsacbe feststeht, vergl. unten Kap. II, Absehn. 2.