Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
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die Macht aufhört hinter dem Rechte zu stehen, wird dasRecht hinfällig. Mag es zeitweise noch bestehen bleiben und soein nicht selten schreiendes MifsVerhältnis zwischen Macht undRecht vorhanden sein, früher oder später mufs das Recht denneuen Machtverhältnissen sich anpassen. Eine privilegierteKlasse mufs herabsteigen, sobald sie die Macht verliert, ihreRechte zu verteidigen, wogegen Klassen, deren Macht wächst,auch rechtlich eine Verbesserung ihrer Lage erfahren undentsprechend ihrer Macht an Bedeutung gewinnen.

Diese Betonung der Macht, wie sie bei Carlyle häufigwiederkehrt, ist eigentlich nichts anderes, als der nachdrück-liche Ausschlufs jedes übernatürlichen Eingriffs in die mensch-liehe Geschichte. Sie hat Carlyle den Vorwurf zugezogen,dafs er in den Verhältnissen der Völker wie der Einzelnendie rohe Gewalt verherrliche. Diese Ankläger aber müssenverstummen, sobald sie sich dessen klar werden, worin nachCarlyle die Bedingungen der Macht für den einzelnen wiedie Völker bestehen. Nicht die physische Kraft, starkeKnochen und Muskeln, sind es; vielmehr ist, wie wir obensahen, nach Carlyle alle Macht moralischer Natur, eine That-sache, welche er denPolarstern der menschlichen Geschichte"nennt. Stark ist der gesellschaftliche, der gläubige gegen-über dem ungesellschaftlichen, dem ungläubigen.

Schon die Entstehung und Entfaltung gesellschaftlicherZustände aus ungesellschaftlichen beweist ihre Überlegenheit:sonst wären sie überhaupt nicht möglich geworden. DieseÜberlegenheit bewährt sich später im Laufe der gesamtenGeschichte. Die alten Römer Praktiker in Unterwerfung-und Beherrschung haben mit dem Worte:divide etimpera" das entscheidende Moment für die Stärke oderSchwäche der Völker getroffen. Stark ist ein Volk, das alseinheitlich organisierte Macht auftritt, schwach dagegen ein