Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
163
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in sich zerklüftetes Volk, mehr eine Summe von Individuenals ein lebendes Ganze. Hier unterliegt ein Naturvolk, dasnoch nicht zu gesellschaftlicher Organisation gelangt ist, gegen-über der einheitlichen Aktion disciplinierter Heere, dort eineKulturwelt, welche sich im Prozefs der Auflösung befindet,dem jüngeren, aber in sich festgefügten Volke. Wo immerdas Individuum mit dem gesellschaftlichen Organismus zu-sammenstöfst, bewährt sich die Überlegenheit des letzteren.

Etwas ähnliches gilt auch bezüglich des einzelnen inner-halb der Gesellschaft. Stark ist derjenige, der aus einemGlauben heraus handelt, d. i. arbeitet. Schwach dagegen derin der Selbstsucht befangene; denn diese ist nicht bereit, zurErreichung des Zieles Opfer zu bringen. Stark ist ferner diean sich schwache Kraft, welche mit andern vereint für eingröfseres Ganze arbeitet, wogegen die individualistischen Kräftesich überall entgegenstreben und gegenseitig aufheben. Starksind vor allen diejenigen, welche die Menschheit als Heldenverehrt hat, weil sie mehr als die andern Selbstverleugnungübten; denn jedes grol'se Plandeln bedeutet ja Opfer deseigenen Daseins. Aus gleichem Grunde ist mächtig der König,welcher die Herrschaft dem Genüsse vorzieht, mächtiger derPriester, Dichter, Religionsstifter, welche den Glauben ihresVolkes schaffen und dadurch mehr als alle anderen seinHandeln beeinflussen.

Dem gegenüber ist der Individualismus lediglich etwas

negatives. Allerdings gewinnt er zeitweise über die socialen

Momente die Oberhand, aber nicht deshalb, weil er ihnen

als gleichwertige Macht gegenüberstünde, sondern weil die

jeweiligen Formen des Glaubens von selbst ihrer Natur nach

zerfallen, womit auch ein Verfall der äufseren Formen der

Gesellschaft gegeben ist. Insoweit nun, als sie den Menschen

zu beherrschen aufhören, wird sociales Handeln unmöglich

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