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frei als möglich sein persönliches Interesse will verfolgenlassen. Denn wenn man einmal die Entstehung der Gesell-schaft aus dem Zusammenwirken vieler individualistischer Willenableitete, so mufste man demselben eine gleiche Rolle auch be-züglich der Forterhaltung der Gesellschaft zuteilen. Diese Lehresah Carlyle insbesondere durch Jeremias Bentham ver-treten. Die Unterschiede, welche Mill von diesem Standpunkttrennten, verkannte Carlyle. Trotz ursprünglich zwischenihnen bestehender Freundschaft trat er später auch zu Millin entschiedensten Gegensatz. Er rechnete ihn nicht besserals die übrigen Professoren der „dismal science", mit welchemNamen Carlyle die Nationalökonomie seiner Tage beehrte,damit zugleich auf die Funktion ihrer Professoren als „Leichen-bestatter" der heutigen Gesellschaft anspielend 1 . Schon infrühen Jahren erklärt sich Carlyle gegen die individualistische. Richtung der Nationalökonomie seiner Zeit und diese Ab-neigung ist mit den Jahren gewachsen, weil er in ihr dievolkstümlichste Form der Auf lösungstendenzen erblickte, derenBekämpfung sein Dasein galt 2 . „Angenommen", sagt Carlyle,„ein Staat beschränke sich, wie jene Lehre verlangt, auf denSchutz des Eigentums, so wird auch er das nicht thun undseinen eigenen Bestand nicht lange schützen können."
Wie man die Gesellschaft durchaus mechanisch auffafst,so wird auch der Staat von einem Organismus zu einemMechanismus. Jede Regierungsthätigkeit, als Ausübung per-sönlicher Befähigung, erscheint unzulässig. Die Handlungendes Staates sollen möglichst unpersönlich durch Zählen undRechnen, d. h. durch Abstimmung sich ergeben, so dafs der-selbe gleichsam wie eine Maschine von selbst funktioniere.
1 Dismal = häfslich, zugleich als Subst. der Leichenbestatter.
2 Vergl. Froude, Life of Carlyle I, S. 375.
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