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für jenen Auflösungsprozefs, in dem die zahllosen Abhängig-keits- und Verpflichtungsverliältnisse sich belinden, die —seien sie nun sittlicher oder rechtlicher Natur gewesen —bisher die Klassen der Gesellschaft miteinander verflochten.Die Entwicklung führt mehr und mehr zur Plutokratie, d. h.der Geldherrschaft, nach Carlyle der schlechtesten Artaller Beherrschung, weil sie den Herrschern am wenigstenPflichten auferlegt und die Ausbeutung der Beherrschten ammeisten begünstigt. Ein weitgehendes, ja ein allgemeinesWahlrecht an sich nutzt dagegen nichts. Denn die Wahlenwerden so lange mittelbar oder unmittelbar durch Geld ge-macht, bis gröfsere Kreise des Volkes wieder irgendwelcheallgemeine Interessen, d. h. sachliche Ziele über den persön-lichen Vorteil stellen, wie die moderne Arbeiterbewegungheute zu thun beginnt.
Die sociale Frage, d. h. die Infragestellung der Existenzder Gesellschaft überhaupt, welche, erst überhört, dann immerdrohender an die Pforten des Staates anpocht und Philosophenwie Nationalökonomen ratlos findet, beweist die Natur derEntwicklung als eines Auflösungsprozesses. Sie ist der Punkt,wo sich entscheiden mufs, ob die Gesellschaft in das Chaoszurückkehren oder sich neubilden wird. Während noch derJubel ertönt, mit dem man die neue Ära begrüfst, tretenErscheinungen auf, welche geeignet sind, den denkendenBeobachter zu beunruhigen. Zunächst freilich zweifelt mannicht an der Vorzüglichkeit des eingeschlagenen Weges. Manmifst die Schäden, die man nicht leugnen kann, dem Um-stände bei, dafs noch Beste des alten Systems bestehen, dafsnoch nicht genug aufgeklärt und niedergerissen sei. Aber imVerhältnisse, wie man hierin fortschreitet, nehmen jene Schädenzu, so dafs sich die Vermutung eines zwischen beiden Ent-