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Carlyles Begründung dieser Anschauung ist etwa folgende:an Stelle des Glaubens ist heute Unglauben, an Stelle desgesellschaftlichen Thuns damit ungesellschaftliches, d. h.egoistisches getreten. Die alte Organisation der Gesellschaftwird durch die aus den soeben genannten subjektiven Be-dingungen hervorwachsende demokratische Bewegung mehrund mehr aufgelöst. Während früher die einzelnen zu grö-fserem Ganzen organisiert waren, wird heute das Individuumin zunehmendem Mafse isoliert. Was wir Gesellschaft nennen,nähert sich damit mehr und' mehr dem Zustande eines un-gesellschaftlichen Kampfes ums Dasein. Der Sehwache wirdimmer tiefer herabgedrückt, der Starke immer höher empor-gehoben werden. Carlyle wird hiermit Verteidiger der damalsauftauchenden Arbeiterorganisationen, deren Bedeutung fürdie Zukunft zwar noch nicht zu ahnen war. Aber als die-selben später um sich griffen, die Unverbundenheit der Indi-viduen aufhoben und den Kampf um das Dasein wieder zumsocialen machten, beruhte die Anerkennung, welche ihnen dieZeitgenossen gewährten, mit auf Carlyleschem Einflul's, welcherdas Verständnis wie für jedes organische Wachstum, so fürjede wahre, spontan sich entwickelnde Genossenschaft ge-weckt hatte.
Damals, als diese Keime neuer Organisation noch ver-borgen lagen, schien die Gesellschaft im Auflösungsprozefs.Ihre letzte Verrichtung ist nach Carlyle der Schutz desEigentums. Daher ist, so lange Gewalt aus dem Kampfeums Dasein ausgeschlossen ist, der Starke zugleich der Reiche,der Schwache zugleich der Besitzlose. Der Reiche aber, durchkeine autoritativen Glaubensvorstellungen mehr social moti-viert, benutzt das bestehende System lediglich zur Ausbeutungdes Armen.