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1 (1890)
Entstehung
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Sklave" durch einen ähnlichen Vorgang in ein noch tieferesElend gekommen war. Carlyle scheint beziehentlich derNegersklaven einen Zustand rechtlich geschützter Hörigkeitim Sinne gehabt zu haben. Wie sehr ein solcher dem derheutigen ungeregelten Freiheit vorzuziehen gewesen wäre,zeigt der Niedergang der früher auf Negersklaven ange-wiesenen Länder.

Carlyles eigentümliche Stellung zur Negerfrage, die ihmzeitweise den Zorn des gesamten aufgeklärten Europa zuzog,aber hat noch einen weiteren Grund. In der Bewegung,welche zu Gunsten der Negerbefreiung sich erhob, fürchteteer, die Regung des nationalen Gewissens, welches bezüglichder heimischen Arbeiter zu erwecken sein höchstes Strebenwar, auf ein verhältnismäfsig fernliegendes Gebiet abgeleitetzu sehen. Indem man sich für den schwarzen Arbeiter er-wärmte, schien man des heimischen zu vergessen, dessen Lageviel elender, und dessen Hebung im Interesse der Mensch-heit unendlich viel wichtiger als die jenes sei. Zudem for-derte die letztere Aufgabe Opfer, während sich in der Neger-frage Europa lediglich auf Begeisterung beschränken konnte.Er sah gewifs, dafs die Lage der Neger tief elend sei undin der That eine Änderung erheische. Unheilvoller und fürdie Lösung aller anderen Fragen in letzter Linie entscheidendaber erschien ihm die Lage, in welche die Masse der höchst-civilisierten Nationen Europas zu versinken drohte. Nichtäufsere Schmerzen, Mifshandlungen, selbst der Hungertodsind für den Menschen das schlimmste. Nach Carlyle istLeiden mit dem Leben untrennbar verbunden. Aber bisherhatten die europäischen Völker das Leben durch den Glaubenüberwunden und durch die hieraus entspringende Hingabedas grofsartige Gesellschaftssystem aufgebaut, von demdie Kultur der Menschheit abhängt. Sie hatten Mühen