— 238 —
nigstens die Möglichkeit einer radikalen Gesellschaftsreformerwiesen.
Liegen nun Zeichen vor, welche auf einen derartigenUmschwung deuten? Für den, welcher die Erscheinungenseiner Zeit nur äufserlich auffafst, gewifs nicht. Denn einmalmacht sich allenthalben immer mehr ein ehr- und vaterlands-loses Litteratentum breit, dessen einzige Triebfedern Geldgierund Eitelkeit sind. Wie sehr Carlyle dieses Geschlecht ver-achtet, so hat er doch seine Macht nicht unterschätzt. Der elen-deste Roman selbst in der Leihbibliothek eines Dorfes bleibtgewifs nicht ohne Einflufs auf das thörichte junge Ding, dasihn fast auswendig lernt. Die falsche Theorie des Lebens,welche hier dem jugendlichen Gehirn eingeprägt wird, wirdsich in höherem oder geringerem Grade später einmal alseine falsche Praxis des Lebens erweisen, im Verhalten bei derEheschliefsung, der Haushaltsführung und ähnlichem. Bildetdoch gerade diese Art von Schriftstellern den Kanal, durch densich die zersetzenden Ideen der Gegenwart verheerend aus-breiten. Hierzu sind auch jene populär naturwissenschaftlichenBücher zu rechnen, deren materialistische Tendenz die über-kommenen sittlichen Ideen des Volkes auf das ernsteste ge-fährdet. Aber auch die Litteratur besserer Art ist nachCarlyle in ihren Grundanschauungen durchaus antisocial. Siegerade ist die Macht, welche die denkenden Männer unddamit die Nationen überhaupt in dem Banne jener negativenWeltanschauung fesselt. Welcher Unterschied selbst zwischenden bedeutendsten ihrer Vertreter und jenen Männern, diein früheren Jahrhunderten die geistige Führung Europas aus-übten! In seinen Vorlesungen „Über das Wesen des Ge-lehrten" hat Fichte diesen Unterschied, natürlich in derSprechweise seiner Philosophie, treffend bezeichnet. Die grofseMasse der Menschen, meint er, lebt ausschliefslich in der