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Welt der sinnlichen Erscheinung, dieselbe für Realität neh-mend; hin und wieder aber treten Denker auf, welche die„göttliche Idee der Welt", die „aller Erscheinung zu Grundeliegt", und die allein Realität ist, erkennen und der Mitweltverkündigen. Mit jeder neuen Generation werden sie inandern Ausdrücken reden und gerade darin besteht ihre Auf-gabe, für ihre Verkündigung die zeitgemäfse Form zu finden.Ihnen gegenüber stehen diejenigen Denker und Schriftsteller,deren Material ausschliefslich die sinnliche Erfahrung undderen einzige Thätigkeit die logische Anordnung jenes Ma-terials bildet. Der Einflufs der ersteren ist unberechenbargrofs, der der letzteren beschränkt.
Diejenigen Männer, welche wie keine andern die geistigenFührer Europas waren und damit einen grofsen, ja den be-stimmenden Einflufs auf seine Entwicklung gewonnen haben,Männer wie Christus, Augustinus , Luther u. a. haben nichtdurch eine ausschliefslich logische Verstandesthätigkeit dieseBedeutung erlangt. Ihre Stärke liegt vielmehr auf dem mo-ralischen Gebiete, welches für Carlyle zugleich transcendenterNatur ist, ihre Gröfse besteht in den moralischen Wahrheiten,die sie ausgesprochen haben — ein jeder in der Denkweiseseiner Zeit. Ihr Wirken war social aufbauend. Ihnen gegen-über stehen die Denker unserer Zeit, für welche allein dassinnlich wahrnehmbare das Reale und die Moral eine Nütz-lichkeitslehre ist. Haben jene die Menschen zu socialem Han-deln erzogen, so werden sie durch diese wieder individualistischbestimmt. Dieser Richtung gehörten nach Carlyle die franzö-sischen und englischen Aufklärungsphilosophen an, denen dieZeitgenossen folgen. Dagegen glaubte Carlyle, dafs sich inDeutschland ein Umschwung anbahne. Dort schien man ihmdaran, die materialistische und utilitarische Weltanschauungabzustreifen, aber nicht dadurch, dafs man zu den alten