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Carlyle fühlte sich mit den Deutschen seiner Zeit mehrgeistesverwandt als mit den zeitgenössischen Denkern seinerHeimat. So wurde er der grofse Vermittler deutscher Ideenin England , eine Aufgabe, welche nicht leicht war bei demI Einflüsse, den bisher die Franzosen und die dem „Germanisten"
entgegengesetzte utilitarisehe Philosophie daselbst behauptethatten. Ja zeitweise hat die Erfüllung dieser Aufgabe Carlyle geradezu in eine materielle Notlage versetzt — denken wiran den buchhändlerischen Mifserfolg des Sartor Resartus — in-dem sie ihn in den Ruf eines „Mystikers" und „Phantasten"brachte. Aber seine Bemühungen wurden dadurch nicht ver-mindert: „dreifsig Millionen Menschen", sagt er, „welche die-selbe alte Sachsensprache reden, und in demselben altenSachsengeiste denken wie wir, sollten von uns zu den Rechtender Bruderschaft zugelassen werden, die sie seit lange ver-dienen und unter deren Verweigerung wir hauptsächlichleiden 1 ."
Nicht das ästhetische Moment ist es, welches Carlyle beider deutschen Litteratur anzieht, nicht das Interesse, welchesnach Jahrhunderte langer Vorbereitung die kurze Blüteperiodeder Litteratur eines Kulturvolkes wachruft. Carlyle ist einedurchaus unkünstlerische Natur und zu sehr von dem Ernsteder Zeitprobleme erfüllt. Wir haben also der Frage näherzu treten, wodurch für Carlyle die deutsche Litteratur eineBedeutung in Beziehung auf jene beanspruchen kann.
Carlyle legt in erster Linie Gewicht auf die kritischePhilosophie, wie sie durch Kants grofse Werke begonnen,immer weiter sich verzweigt, immer mächtiger auch über dieGrenzen Deutschlands hinaus um sich gegriffen hat. Carlyle sieht in folgenden Punkten die Verdienste der von ihr ein-
1 Miscellaneous Essays I, S. 314.
v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden.
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