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1 (1890)
Entstehung
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lativen Abirrungen abgesehen als auf Kantiseher Grundlage be-ruhend positivistisch ist, ist zugleich positiv. Der Beweis hier-für ist ihr Idealismus. Letzterer ist nicht etwa verstandes-gemäfs darzuthun; die von den Deutschen versuchten Beweisesind nichts weniger als stichhaltig. Vielmehr kann der Ver-stand die idealistische Weltanschauung der materialistischennur als gleichberechtigt zur Seite stellen; die Wahl der ersterenund die Verwerfung der letzteren ist Sache des Willens. Innoch höherem Mafse gilt das Gleiche beziehentlich der mora-lischen Grundauffassung, dieses entscheidenden Punktes jederPhilosophie. Auch hier stehen zwei Möglichkeiten einander gegen-über, unter denen die Wahl nicht Sache der Erkenntnis, sonderndes Willens ist. Auf der einen Seite steht die utilitarische Moral,deren Mafsstab das Individuum ist; sie geht daher nicht überdie Sinnenwelt hinaus und legt ihr somit absolute Bedeutungbei. Auf der andern Seite steht die altruistische Moral,welche das Ziel des menschlichen Wollens über das Indi-viduum hinaus verlegt. Die Sinnenwelt ist für sie nur relativund das Princip der Moral aus ihr unableitbar, d. h. demGebiet der Erkenntnis entzogen.

Darin, dafs die Deutschen den Schritt vom negativenzum positiven Standpunkt gethan haben, liegt die tiefste undeigentliche Bedeutung der von ihnen eingeleiteten Bewegung.Zwar ist Kant in seiner Ethik noch durchaus von dem Indi-vidualismus seiner Zeit befangen. Aber das wichtige ist, dafser jeden utilitarischen Erklärungsversuch ablehnt und dafs erdie Unbegreiflichkeit des moralischen Gesetzes feststellt.ZweiDinge", sagt Kant,erfüllen das Gemüt mit immer neuer undzunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und an-haltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnteHimmel über mir und das moralische Gesetz in mir": beidesdie Punkte, an denen dem Menschen am unmittelbarsten die